Kasematten

26.10.18 / Postcards from Graz
“Strictly speaking the French were besieging a giant prison, not a fortress”

Kasematten, set design for Andreas Baumkircher by Erika Spann-Rheinisch, Schloßberg, Graz, 1952. Photo: Franz Hubmann. © ÖNB / Hubmann

[DE] „Genau genommen“, schreibt der Grazer Lokalhistoriker Peter Laukhardt, „haben die Franzosen 1809 hier keine Festung belagert, sondern ein riesiges Gefängnis“. Er bezieht sich damit auf die Belagerung der Schloßberg-Festung im Jahr 1809 durch napoleonische Truppen. Obwohl diese Belagerung militärisch scheiterte, wurde der Bau der Wehranlage infolge einer Vereinbarung im Waffenstillstand von Znaim aus demselben Jahr abgebrochen. Bis zu diesem Zeitpunkt bildete der heute unter dem Namen Kasematten bekannte Teil des Schloßbergs das massive Fundament des Schloßhauptmannshauses und diente ab 1782 auch als Gefängnis für Schwerverbrecher aus allen Teilen der Monarchie. Die härtesten Übeltäter wurden im untersten Kellergeschoss verwahrt. Genau hier entstand 1937 der Zuschauerbereich der Kasemattenbühne, eines Freilichttheaters der inzwischen abgeschafften Grazer Festspiele. Zur Eröffnung gab man Beethovens Fidelio unter der Leitung von Karl Rankl, der zwei Jahre später vor den Nazis nach England floh. Wegen Bombenschäden im Krieg konnte die Kasemattenbühne ihren Betrieb erst 1949 mit einer Inszenierung von Goethes Urgötz wiederaufnehmen. Die Wahl dieses Stücks für die Neueröffnung durch das Grazer Hochschulstudio erfolgte aus dem Bemühen, ein vom Nationalsozialismus unkompromittiertes Repertoire aufzubauen. Britische Besatzungstruppen stellten Lastwagen zur Verfügung und halfen beim Freiräumen des zerbombten Bühnenbereichs. Das Stück wurde sechs Mal vor jeweils 800 Zuschauer*innen aufgeführt, wobei manche Rollen mehrfach besetzt waren und britische Soldaten als Statisten mitwirkten. Der damalige Gastwirt des benachbarten Schloßbergrestaurants war gegen die Aufführungen und ließ aus Protest laute Musik spielen. Adelheid musste deshalb mehr als einmal begleitet von unpassenden Tangoklängen sterben.

[EN] “Strictly speaking the French were besieging a giant prison, not a fortress,” local historian Peter Laukhardt remarks. He is referring to the 1809 siege of the Schloßberg, Graz’s hilltop castle, by Napoleon’s troops. Although unsuccessful, the siege led to the demolishing of the military stronghold as agreed in the ceasefire signed in Znaim later that year. The area today known as the Kasematten was the hulking basement of the castle commander’s keep, and from 1782 onward it served as a prison for dangerous criminals from all across the monarchy. The most hardened felons were housed in the deepest cellar that would become the seating area of the Kasemattenbühne, which in 1937 became the open-air stage of the now defunct Grazer Festspiele. Its debut performance was Beethoven’s Fidelio conducted by Karl Rankl who fled from the Nazis to take refuge in England in 1939. This open-air stage was bombed in World War II. Performances only resumed in 1949, with Goethe’s Urgötz played by the Grazer Hochschulstudio, a student theater intent upon engaging with a repertoire untainted by National Socialism. British occupation forces lent them their trucks and helped clean up the bombed stage area. The play was performed six times in front of 800 spectators, with actors appearing in several roles and British soldiers taking to the stage as extras. At the time, the innkeeper of the neighboring Schloßberg restaurant objected to the performance and played loud music in protest, so Adelheid often had to die to the interfering melodies of a tango.


Excerpt from: Postcards from Graz, ed. Ekaterina Degot and David Riff (Graz, 2018), 43

“Kasematten” is one of the places in Graz that inspired Volksfronten, the core program of this year’s steirischer herbst. Some of them host art works, some do not, but all tell complex stories, which we want to share with you.