Volksfronten

Yoshinori Niwa

Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space (2018)

Installation und Video

Yoshinori Niwa, Anzeige für Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space, 2018

Yoshinori Niwa, Anzeige für Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space, 2018. Design: Yelena Maksutay. Courtesy der Künstler

Vielleicht ist es eine eingerissene Fotografie, ein offizielles Dokument, ein bestimmtes Buch oder vielleicht sogar eine komplette Uniform. Was auch immer es ist, man kann es keinem zeigen, denn es geht einher mit schon lange von uns gegangenen Angehörigen in der dunkelsten Episode einer noch gar nicht so fernen Vergangenheit. Nichtsdestotrotz will man so etwas weder verkaufen noch vernichten. Es wird in den tiefsten Schubladen verstaut und in die entlegensten Ecken des Dachbodens verbannt. Nie weiß man genau, wer sonst noch derlei Relikte besitzt, denn zeigen darf man sie nicht, weil das in Österreich verboten ist. Aber man stellt sich vor, dass viele andere Menschen ebenso verfahren.
In seiner neuen Arbeit für den steirischen herbst, die im öffentlichen Raum stattfindet, spielt der Künstler Yoshinori Niwa mit dieser kulturellen und rechtlichen Situation der Privatsphäre und Ungewissheit. In einer öffentlichen Kampagne bietet er an, unerwünschte oder kompromittierende Erinnerungsstücke aus der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus zu entsorgen. Die Menschen können sich auf anonyme Weise von diesen Objekten trennen, indem sie sie einfach in einen im Stadtzentrum aufgestellten Container werfen. Unter amtlicher Aufsicht und unter Einhaltung der entsprechenden gesetzlichen Vorschriften wird der Inhalt gesammelt und später vernichtet.
Wesentlicher Bestandteil dieses sich Entlastens ist es, dass die Öffentlichkeit nie erfahren wird, was und wie viel genau gesammelt wurde oder von wem die Gegenstände stammen. Es ist möglich, dass der Container randvoll ist; er kann aber auch leer bleiben. Für Niwa ist entscheidend, die Phantasie anzuregen. Die Besitzer*innen solcher Andenken sollen vor die ethische Wahl gestellt werden: an diesen Spuren einer belasteten Vergangenheit festzuhalten oder sich für eine „saubere“ Form der Entsorgung zu entscheiden, und in eine Zukunft aufzubrechen, die von solchen Objekten befreit ist.
 

Auf der Suche nach privaten NS-Relikten
 

Yoshinori Niwa ist auf der Suche nach Menschen, die bereit sind, über solch unerwünschte oder kompromittierende Relikte in ihrem Besitz, über die Geschichte dazu und den zwiespältigen Umgang damit zu sprechen. Sie können so zum zweiten Teil des Projektes beitragen–eine Sammlung von Videodokumentationen, die auf www.steirischerherbst.at präsentiert wird. Für die Aufnahme besucht Sie der Künstler mit einem Kameramann. Natürlich können Sie im Video anonym bleiben und Ihre Privatsphäre wird entsprechend respektiert.

Wenn Sie interessiert sind, an dem Projekt teilzunehmen hinterlassen Sie unter der Nummer +43 664 884 145 50 Ihren Namen, Telefonnummer und vielleicht sogar eine kurze Nachricht. Die Dreharbeiten finden vom 6. bis 8. September und vom 25. bis 26. September in Graz statt. Auch Besuche außerhalb von Graz sind unter Umständen möglich.

21.9.–14.10.

Hauptplatz und online
8010 Graz

Google Maps

Freier Eintritt

In Auftrag gegeben und produziert von steirischer herbst

Kamera: Constantin Lederer
Videoschnitt: Yoshinori Niwa
Grafikdesign: Yelena Maksutay

Yoshinori Niwa (1982, Präfektur Aichi, Japan) ist Performance-, Video- und Installationskünstler, dessen Arbeiten die Form gesellschaftlicher Interventionen im öffentlichen Raum annehmen; oftmals gehen dem Anschein nach absurde und unproduktive materiell-körperliche Handlungen damit einher. Er lebt in Wien.

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