Volksfronten

Roman Osminkin

Putsch (After D. A. Prigov) (2018)

Performance und Intervention

Roman Osminkin, Collage für Putsch (After D. A. Prigov), 2018

Roman Osminkin, Collage für Putsch (After D. A. Prigov), 2018. Courtesy der Künstler

Als Dichter arbeitet Roman Osminkin mit gewaltigen Ideologien. Die Vorstellungen von Kommunismus, Liberalismus, Religion und Nationalismus haben sich in den Jahren, die ihn besonders geprägt haben, nach dem Ende des Kalten Krieges und zu Beginn einer Phase der Kulturkriege drastisch und unerwartet gewandelt. In diesem Sinne setzt er die Tradition großer russischer konzeptueller Dichter wie Dmitrij Alexandrowitsch Prigov (1940–2007) fort. Wie Prigov ist auch Osminkin Performer und arbeitet zwischen den Bereichen der Musik und des gesprochenen Wortes, mit den Ambitionen eines Zeremonienmeisters. In dieser Rolle tritt er in der für den steirischen herbst entstandenen Open-Air-Performance auf, die am Eröffnungsabend stattfindet und Prigovs Umsturz. Ein Stück für zwei Lautsprecher aus dem Jahr 1990 lose adaptiert. Osminkins Fassung spielt auf der Grazer Schloßbergstiege, die auch als „Russensteig“ bekannt ist. Vor dem Ersten Weltkrieg war diese Treppe als malerischer Aufstieg auf einen Berg geplant, auf welchem einst eine Renaissance-Festung stand, die von Napoleons Truppen zerstört wurde. Die Bauarbeiten setzten aber erst im Zuge des Kriegs ein und wurden von Pionieren des österreichischen Heeres und russischen Kriegsgefangenen ausgeführt – ohne dass die Treppe dabei irgendeinen militärischen Zweck erfüllte. Eine derartige Verflechtung von Militarismus, Nationalstolz, dem Wunsch nach Unterhaltung und Ablenkung sowie dem Einsatz billiger ausländischer Arbeitskräfte lässt ein nachdrückliches Echo der heutigen politischen Lage anklingen. In Osminkins Arbeit konkurrieren zwei Lautsprecher miteinander. Sie brüllen sich gegenseitig mit sinnlosen politischen Aussagen und literarischen Bezugnahmen an, während Performer*innen auf der Treppe Slogans zusammenstellen und wieder auseinandernehmen, ideologische Vorstellungen in Worte und Buchstaben zerlegen. Das Publikum nimmt währenddessen die Rolle von Demonstrant*innen einer unsichtbaren Kundgebung ein. Ein Undercover-Chor, der sich am Schloßbergplatz unter die Menge mischt, singt im Flüsterton Soldatenlieder aus dem Ersten Weltkrieg und erinnert symbolisch an den wechselvollen historischen Hintergrund dieser Touristenattraktion.

20.9., 19:30

Schloßbergplatz, Schloßbergstiege
8010 Graz

Google Maps

Dauer: 45 min.

Freier Eintritt

In Auftrag gegeben und produziert von steirischer herbst

Konzept und Umsetzung: Roman Osminkin
Text: Roman Osminkin nach D. A. Prigovs Umsturz. Ein Stück für zwei Lautsprecher
Künstlerische Mitarbeit: Anastasia Vepreva​​​​​​​

Roman Osminkin (1979, St. Petersburg) ist Dichter, Performer und Videokünstler. Indem er die Poesie über das beschriebene Blatt hinausgehen lässt, experimentiert er mit verschiedenen Medien, was er „poetischen Aktionismus“ nennt. Er bietet – ebenso berührende wie absurde – Reflexionen über Einsamkeit und Kollektivität in einer digitalisierten und zunehmend post-politischen Welt. Er lebt in St. Petersburg.