Ein Amalgam aus Politischem und Poetischem

3.10.18 / Text
Kurzinterviews zu Nâzım Hikmets Menschenlandschaften

Photo: steirischer herbst ’18

Erhan Altan, Esra Özmen, Kerem Öktem und Erich Klein im Gespräch mit Kuratorin Katalin Erdödi

Diese Interviews sind auch nachzulesen in der Zeitung Hikmetinden Sual Olunsun (Stellt in Frage!), die anlässlich des steirischen herbst’18 in Zusammenarbeit mit Jukus erschienen ist und u.a. im Besucher*innen- und Pressezentrum zur freien Entnahme aufliegt.


Erhan Altan: „Er sprengte und spaltete, um es wieder zu kitten“

KE Du bist Forscher der modernen Poesiegeschichte der Türkei, in der Nâzım Hikmet eine sehr bedeutende, wenn nicht die Hauptrolle spielt. Wie siehst du den breiteren literarischen und soziopolitischen Kontext, in dem Menschenlandschaften entstanden ist, und wie würdest du das Werk von Hikmet aus der heutigen Perspektive betrachten?

EA Nâzım Hikmet gelang mit dem freien Vers der wichtigste modernistische Schritt in der modernen türkischen Poesiegeschichte. Die drei großen Reformen von ihm, nämlich der freie Vers mit treppenartigen Zeilensprüngen, das Amalgam des Politischen mit dem Poetischen und die Gattungsüberschreitungen sind auch die wesentlichen Merkmale von Menschenlandschaften. Das Werk, das in den Kriegs- und Nachkriegsjahren im Gefängnis von Bursa entstand, konnte wegen der politischen Restriktionen erst in den 1960er-Jahren publiziert werden, übte aber dann großen Einfluss auf den türkischen Sozialrealismus aus.

KE Hat Hikmet und seine Literatur eher das Potenzial des Vermittlers zwischen den Welten – traditionell/modern – oder zeigt es sich als Sprengkraft, als Spaltpilz, der den Riss durch die Gesellschaft eher sichtbar macht als kittet?

EA Sowohl die Moderne als auch Hikmets politische Haltung verlangten einen Abschied von den starren Formen. Deshalb wandte Hikmet das Metrum nicht mehr an, er erhielt aber den Reim und die Harmonieelemente als beliebige, jedoch Ordnung konstituierende Mittel aufrecht. Er sprengte und spaltete, um wieder zu kitten. Denn für den politischen Kampf benötigte Hikmet sowohl die Einheit wie auch die Konvention. Mit einem gänzlichen Verzicht auf die einheitsbildenden Elemente der Konvention hätte er sowohl die Kommunikation erschwert als auch die Einheit gefährdet, beide notwendig für den Klassenkampf. Infolge des Verschwindens des Metrums erhielt die Rede freien Lauf, um einen Weg aus der bestehenden Ordnung zu finden.

KE Als Literaturvermittler und Übersetzer organisierst du Projekte und Veranstaltungen zwischen Österreich und der Türkei. Was sind die größten Herausforderungen dieser Arbeit?

EA Die größte Herausforderung und Erschwernis ist, dass die türkische und die österreichische Dichtung über das 20. Jahrhundert hinaus jeweils historische Entwicklungen durchmachten, die nicht direkt ineinander übersetzt werden können. Auf der einen Seite steht die türkische Dichtung, die lange Zeit mit dem Politischen aufs Engste verflochten war und sich schrittweise modernisiert hat; auf der anderen Seite die avantgardistische österreichische Dichtung, die sich unter anderem vom nationalsozialistischen Erbe zu bereinigen und eine Neugründung versuchte und deshalb in die tiefsten Tiefen der Sprache vordrang: die evolutionäre und narrative einerseits, die radikale und kognitive andererseits. Für die Übersetzung türkischer Dichtung ins Deutsche ist kaum Interesse da, für die Übersetzung der österreichischen experimentellen Literatur ins Türkische gibt es jedoch Interesse von einer wachsenden Gruppe junger türkischer Dichter*innen.

KE Welche Leseempfehlungen hast du für uns?

EA Die Zweite Neue von den 1950er- bis 1970er-Jahren (Turgut Uyar, Edip Cansever, Cemal Süreya, Ece Ayhan und İlhan Berk), die die nächste Welle der Moderne in der türkischen Dichtung darstellte und erst nach fünfzig Jahren zum Verkaufsschlager wurde, würde ich empfehlen, aber leider ist es eine leere Empfehlung, da sie nicht übersetzt wurde.



Esra Özmen: „​Wenn eine Erfahrung viele Leute teilen, ist es eine systematische Erfahrung, eine politische Erfahrung“​​​​​​

KE Du bist eine Musikerin, Künstlerin und Kulturarbeiterin, die sich mit sozialen und politischen Fragen – vor allem mit Migration, Bildung und Freiheit – durch das Medium Rap beschäftigt. Nâzım Hikmet ist für seine politisch engagierte Poesie unter anderem in Menschenlandschaften bekannt, in der er – ganz ähnlich zum Rap – Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten und Hintergründen eine Stimme verleiht. Welche Relevanz hat seine Arbeit für dich heute, und hat sie etwas mit Rap zu tun?

EÖ Nâzım Hikmet kenne ich von seinen Gedichten, aber eher nicht auf dieser politischen Ebene – ich habe erst viel später erfahren, dass es politische Texte sind. Für mich waren es Texte, in denen man Erfahrungen teilt: was Liebe angeht, Einsamkeit und das innere Ich, wie es leidet, was er oder sie denkt … Was die Verbindung zwischen Nâzım Hikmet und Rap betrifft, ist das größte Gefühl diese systematische Erfahrung. Ich habe darüber gerappt, dass ich in einer Einzimmerwohnung aufgewachsen bin. Ich habe immer gedacht, das ist meine Erfahrung, das ist nicht politisch, ich habe das erlebt. Und dann habe ich in anderen Raps mitbekommen, dass ich nicht die Einzige war, die in einer Einzimmerwohnung aufgewachsen ist. Erst später, nach vielen Raps – die meiner Meinung nach auch Gedichte sind – bin ich darauf gekommen, dass wenn eine Erfahrung viele Leute teilen, es eine systematische, eine politische Erfahrung ist. So war es für mich auch bei Nâzım Hikmet. Zu lesen, zu verstehen und es dann auf sich selber zu beziehen hat mir immer wieder das Gefühl gegeben, dass ich nicht alleine bin in dem, was ich erlebe. Ich überlege allgemein, was Gedichte für mich sind, weil ich gedichtet habe, bevor ich gerappt habe. In einer Welt, in der es so viele politische Unterschiedlichkeiten gibt, wo sich mein eigenes Ich andauernd verändert – zum Beispiel bin ich jetzt mit dir ein ganz anderes Ich als mit meinem Bruder oder mit meinen Freunden ... In so einer Welt findet man oft nicht so leicht ein Gegenüber, bei dem man sich öffnen kann. Und wo man sich nicht öffnen kann, will man schreiben. Man schreibt, um sich von etwas zu lösen. Das ist ein enormes Geschenk für jene Menschen, die das lesen, meine ich, weil du von einem Menschen etwas Ehrliches, Sanftes, Unberührtes erfährst. Eine solche Unberührtheit lese ich auch in Nâzım Hikmets Texten. Diese Gefühle öffnen dann etwas in mir, das unberührt und sauber ist. Ich glaube, im Kontext dieser Welt ist es ganz schwer, ein eigenes Wahrnehmungsgefühl zu bekommen. Durch diese Texte und auch Nâzım Hikmets Gedichte habe ich vieles in mir wahrgenommen, was ich sonst vielleicht nie so sehen würde.



Kerem Öktem: „​Ein scharfer Chronist seiner Zeit“​​​​​​

KE Nâzım Hikmets Menschenlandschaften werden oft als Sozialgeschichte in Versform betrachtet, in der er einen differenzierten und durchaus kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei in der Mitte des 20. Jahrhunderts wirft. Welche Bedeutung hat die literarische und politische Arbeit Hikmets für dich als Sozialwissenschaftler?

KÖ Nâzım Hikmets Human Landscapes kann sicherlich als eine Sozialgeschichte in Versform bezeichnet werden. Hikmet ist ein scharfer Chronist seiner Zeit. Die Armut und Finsternis des Zweiten Weltkriegs, in den die Türkei erst in letzter Minute miteinstieg, die Enttäuschung über die Ideale und Versprechen der frühen türkischen Republik, die Ungerechtigkeit und Korruption des Einparteienstaates nach Atatürk – all dies spricht anschaulich und authentisch durch den Text. Diese Arbeit sowie das Leben des Autors sind aber weitaus vielschichtiger. Da ist zum Beispiel der feurige Kommunist und Ideologe, der Moskau sehnsüchtig und unkritisch betrachtet und die politische und wirtschaftliche Ordnung der Sowjetunion als die einzige Alternative zum westlichen Liberalismus und zum türkischen Nepotismus darstellt. Und dann gibt es noch Nâzım Hikmet, den großen Künstler, der all diese unterschiedlichen Anliegen zu einem einzigen atemberaubenden Bild von der Türkei und ihren Menschen verwebt: von der Zeit nach dem Unabhängigkeitskrieg und kurz bevor sich das Land an den Westmächten zu orientieren beginnt und sich vom Propagandismus fernhält – wenngleich dies oftmals nur knapp gelingt. Dieser Text ist für mich wirklich wichtig, denn er erinnert stark daran, wie vielschichtig Autor*innenleben sind, wie vielschichtig Texte sein können und wie wichtig es ist, sie wertzuschätzen.



Erich Klein: „Unser Gedicht heißt / Konstruktivismus. Nâzım Hikmet in der Sowjetunion“

KE Als Übersetzer und Literaturkritiker beschäftigen Sie sich intensiv mit Gegenwartsliteratur aus Russland. Nâzım Hikmet war durch sein Studium und später durch sein Exil eng mit der damaligen „post-revolutionären Sowjetischen Union“ verbunden. Er wird oft als „romantischer Kommunist“ bezeichnet. Wie sehen Sie die Einflüsse dieser Begegnungen auf seine Arbeit?

EK Was immer Sie unter „post-revolutionärer Sowjetunion“ verstehen – Nâzım Hikmet in Russland, das ist zweifellos eine Tragödie in etlichen Akten; wie viele es genau waren, mögen Hikmet-Spezialisten und Philologen untersuchen. Gelinde und freundlich gesagt war deren Grundtenor eine Art Freiheit (des Emigranten und Flüchtlings) mit schweren Defekten. Vom ersten Aufenthalt in den frühen 1920er-Jahren bis in die 1960er-Jahre bewegt sich Hikmet nahe am sowjetischen Mainstream von Politik, Literatur und Literaturpolitik. Das ist kein besonderes Geheimnis. Nâzım Hikmet hat es in seinem späten Gedicht „Lebenslauf“ von 1961 selbst reichlich melancholisch formuliert, wenn er noch einmal die „kommunistische Universität“ (eine Kaderschmiede für die „Völker des Ostens“), Lenins Sarg aus dem Jahr 1924, an dem er symbolisch Wache hielt, und schließlich den Beginn seiner letzten Lebensphase nach langjähriger Haft in der Türkei und dreißig Jahre nach der ersten Moskau-Reise Revue passieren lässt: „mein neunundvierzigstes (Jahr) erneut in Moskau als Gast der Tschekisten.“ Sein dichterischer Weg – vom 1923 formulierten Traum, „ein Hafis des Kapitals“ zu werden, über die programmatische Ansage „Unser Gedicht heißt / Konstruktivismus“ von 1930 bis zu seiner Tätigkeit als offizieller Sowjetvertreter auf Friedenskongressen und Kinderfreund in den Ferienlagern auf der Krim – war jedenfalls höchst brüchiger Natur. Kurz: Auch für den „romantischen Kommunisten“ Nâzım Hikmet gilt das Wort: Wer heute von der blauen Blume träumt, muss verschlafen haben; selbst wenn diese rot gewesen sein sollte.

Erhan Altan (1963, Istanbul) ist Übersetzer, Essayist und Literaturvermittler; er arbeitet vermehrt zur österreichischen Avantgarde und türkischen Poesiegeschichte. Er ist Lektor der Reihe Österreichische Bibliothek beim Istanbuler Pan Verlag und organisiert Projekte und Veranstaltungen zwischen Österreich und der Türkei. Er lebt in Wien.

Esra Özmen (1990, Wien) ist Rapperin, bildende Künstlerin, Performerin, Songwriterin und Kulturarbeiterin. Gemeinsam mit ihrem Bruder Enes Özmen macht sie unter dem Namen EsRAP Musik. Sie widmet sich dabei, „ohne auf den Mund gefallen zu sein“, sozialkritischen Themen und versucht, mit ihren deutsch-türkischen Texten zum Nachdenken anzuregen. Sie lebt in Wien.

Kerem Öktem (1969, Gelsenkirchen, Deutschland) ist Professor für Southeast European Studies and Modern Turkey am Zentrum für Südosteuropastudien (CSEES) an der Universität Graz. Seine Forschungsbereiche umfassen Politik und internationale Beziehungen der Türkei, die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU, Nationalismusforschung sowie die Erforschung von muslimischen Gemeinschaften auf dem Balkan und in Westeuropa. Hikmet lebt in Graz, Oxford und Istanbul.

Erich Klein (1961, Altenburg, Österreich) ist Übersetzer, Publizist, Kurator und Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift Wespennest in Wien. Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören: Die Russen in Wien. Die Befreiung Österreichs, Denkwürdiges Wien und Graue Donau, Schwarzes Meer. 2013 erhielt Klein den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik. Er lebt in Wien.