Bei einer Wolfsjagd spannen Jäger rote Fahnen entlang der Waldränder auf, um das Rudel in Richtung der Gewehre zu lenken. Die Wölfe fliehen vor den Fahnen; die Flucht selbst ist die Jagd. Oxana Timofeeva macht daraus eine gesellschaftspolitische Metapher. Von den endlosen Ausnahmezuständen im Krieg gegen den Terror hin zu den Beschwörungen zivilisatorischer Bedrohungen, von der inszenierten Hysterie des Kulturkampfs hin zur täglichen Dosis Empörung – die zeitgenössische Politik lebt davon, ständig rote Fahnen zu hissen. Aber was, wenn der Alarm eine Falle ist – und moralische Panik der Mechanismus, durch den die Bevölkerung in die Gefahrenzone getrieben wird?

Oxana Timofeeva ist eine Philosophin und Mitglied des Künstler:innenkollektivs Chto Delat. Zu ihren jüngsten Publikationen zählen Heimat: Eine Gebrauchsanweisung (2022), Solarpolitik: Ein philosophischer Essay über die Sonne, Natur und Gewalt (2024) und Freuds Beasty Boys: Sex, Gewalt und Männlichkeit (2026), alle bei Matthes & Seitz.