Alexa Karolinski und Ingo Niermann

Ich gebe dir meine Hand (2026)

Das schlichte Bild einer Hand, die die einer anderen Person untersucht, streichelt, drückt und kratzt – nur um nach einer Weile die Rollen zu tauschen –, hat etwas Unheimliches und Unvergessliches an sich. Die in Alexa Karolinski und Ingo Niermanns Video inszenierten Begegnungen finden jeweils zwischen Täter:innen und Überlebenden statt und werden lediglich durch einen Zwischentitel angekündigt, der die Tat benennt: zum Beispiel Raub, Belästigung, versuchter Mord oder Ehebruch.

Das Werk ist eine einfache Übung zur Überwindung dessen, was polemisch als „Oppression Olympics“ bezeichnet wurde, jene zeitgenössische Pattsituation, in der sowohl die Linke als auch die Rechte auf einer fortwährenden Stigmatisierung bestehen und die jeweils größere Opferrolle für sich beanspruchen. Als neuestes Werk in Karolinski und Niermanns Army of Love-Reihe offenbart sich Ich gebe dir meine Hand als mulmiges häusliches Ritual, als fast tabuisierte Geste hin zu jener Art von gegenseitiger Anerkennung, die die zeitgenössische Politik praktisch verboten hat.

Alexa Karolinski (1984, Berlin, Deutschland) ist eine Autorin und Regisseurin, die genreübergreifend mit Dokumentar-, Spiel- und Experimentalfilm arbeitet. Ihre Werke bewegen sich zwischen intimen Porträts und historischer Aufarbeitung und untersuchen, wie Trauma, Erinnerung und verdrängte Geschichte im Körper und in der Form weiterleben. Gemeinsam mit Ingo Niermann drehte sie mehrere Filme als Teil des Projekts The Army of Love, das Intimität und Liebe thematisiert. Karolinski ist Co-Autorin und Mitschöpferin der Netflix-Miniserie Unorthodox. Sie lebt in Berlin.

Ingo Niermann (1969, Bielefeld, Deutschland) ist ein Schriftsteller, der für seine spekulativen Romane und Sachbücher sowie für seine Grenzgänge in die zeitgenössische Kunst bekannt ist. Seine akribischen wie spielerischen Utopien – etwa die einer Army of Love oder eines Monadic Age – setzen sich über etablierte Gewissheiten aller ideologischen Lager hinweg. Niermann lebt in Basel.

In Auftrag gegeben und produziert von steirischer herbst ’26