Henrike Naumann

Tag X (2019)

In ihren komplexen Installationen, die oft aus vorgefertigten Möbeln und Objekten bestehen, reflektiert Henrike Naumann die politische Bedeutung der deutschen Wiedervereinigung, das Verschwinden der DDR und die Auswirkungen dieser zuweilen katastrophal erscheinenden Ereignisse auf die deutsche und globale Geschichte.

Im Mittelpunkt ihrer Installation zeigt ein Video vermeintlich historische Aufnahmen vom Alexanderplatz im ehemaligen Ost-Berlin. Ein anonymer Zeuge erinnert sich an eine Zeit des politischen Umbruchs. Doch im Laufe des Videos verschwimmen die Ereignisse, sodass unklar wird, ob der Film vom Ende des Sozialismus 1989 oder von einem rechtsextremen Aufstand von 2019 erzählt.

Der Titel von Naumanns Film und Installation bezieht sich auf die 2017 aufgedeckten rechten Netzwerke in Deutschland. Sie wurden strafrechtlich verfolgt, weil sie Waffen horteten, um sich auf den Tag X, die Machtübernahme und Säuberung der Gesellschaft vorzubereiten – etwas, das dem  demokratischen und volksnahen Aufstand gegen den Spätsozialismus kaum ähnelt.

Und doch ist das eine mit dem anderen verbunden, wie Naumann in ihrer Installation zeigt. Sie stellt sich die Einrichtung eines Optikers aus den 90er-Jahren vor, die plötzlich unheimlich wirkt. Postmoderne Einrichtungsgegenstände werden zu Selbstverteidigungswaffen, Symbole des bürgerlichen Wohlstands verwandeln sich in rechte Kampfausrüstung und offenbaren so vielleicht die Enttäuschung über die Verheißungen von Kapitalismus und Demokratie, die noch vor dreißig Jahren so vielen so nahe schienen.

Henrike Naumann (1984, Zwickau, DDR) ist eine Künstlerin, deren immersive Installationen Video und Sound in szenografischen Räumen verbinden. Ihre Arbeit reflektiert häufig die Geschichte des Rechtsterrorismus in Deutschland sowie die breite Akzeptanz rassistischen Gedankenguts nach dem Zusammenbruch der DDR. In den letzten Jahren hat Naumann ihren Fokus auf die globale Vernetzung von Jugendkulturen und die Umkehrung des kulturellen Andersseins erweitert. Zu den wichtigsten Ausstellungen gehören Einzelschauen im Sculpturecenter, New York (2022); Kunsthaus Dahlem, Berlin (2021); Belvedere 21, Wien (2021); Museum Abteiberg, Mönchengladbach, und Galerie Wedding, Berlin; sowie Beteiligungen an der Busan Biennale (2018), Riga Biennale (2018), steirischer herbst ’18, 4. Ghetto Biennale, Port-Au-Prince (2015), und dem 3. Herbstsalon im Maxim Gorki Theater, Berlin (2017). Sie lebt in Berlin.

Mixed-Media-Installation