Red Flags
In letzter Zeit wird der Begriff „Red Flags“ vor allem mit Dating in Verbindung gebracht, wo er als Checkliste scheinbar harmloser Gewohnheiten dient, die als Vorboten künftigen toxischen Verhaltens gedeutet werden. Das ist natürlich nur ein Beispiel dafür, wie misstrauisch wir generell geworden sind – alarmiert durch kleinste Abweichungen von der vorgegebenen Linie. Wir neigen dazu, Vorsichtsmaßnahmen zu begrüßen und ziehen das Canceln der Konfrontation vor. Dies ist eine Haltung, die der steirische herbst seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, infrage stellt.
Dennoch sehen wir überall auf der Welt – und die beschauliche Steiermark bildet da keine Ausnahme – viele beunruhigende Anzeichen. Manche mögen Außenstehenden harmlos erscheinen, wie die Einführung eines neuen Festivals für den Landespatron oder der Vorschlag für ein Haus der Volkskultur. Andere sind bereits keine bloßen „Red Flags“ mehr, sondern Flächenbrände, die sich gefährlich ausbreiten. Antidiskriminierungsprogramme werden gekürzt, Migrant:innen abgeschoben, die Meinungsfreiheit bedroht, das Patriarchat alter Schule gelobt und gestärkt, zeitgenössische Kultur wird finanziell ausgehungert und zurückgedrängt und sogar die Moderne als solche wird als vermeintlicher Irrweg angezweifelt.
Wenn man sich in diesem Feld potenzieller und andauernder Konflikte bewegt, merkt man unweigerlich, wie alles, was auch nur ansatzweise „rot“ ist, für das politische Establishment zu einem roten Tuch wird. Selbst gemäßigte linke Politik wird in den heute allgegenwärtigen neoliberalen Regimen angeprangert. Mitte-Links-Positionen werden als linksextrem umetikettiert, während die Mitte-Rechts-Parteien immer weiter nach rechts rücken. „Red Flags“ werden gehisst, auch wenn niemand tatsächlich eine rote Fahne schwenkt: Es reicht schon, von Gleichberechtigung oder Solidarität zu sprechen.
Mit diesen Themen beschäftigt sich die 59. Ausgabe des steirischen herbst in einem dichten Programm aus neu in Auftrag gegebenen Performances, Installationen und Diskussionen.
Der steirische herbst ’26 wird kuratiert von Ekaterina Degot, David Riff, Line Spellenberg und Pieternel Vermoortel, unterstützt von den Juniorkurator:innen Beatrice Forchini und Lukas Michelitsch, mit kuratorischer Beratung von Gábor Thury und geschaffen von allen teilnehmenden Künstler:innen, Sprecher:innen und Partnerinstitutionen sowie dem gesamten Festivalteam.