Eröffnungsrede von Intendantin Ekaterina Degot

18.9.25
Schauspielhaus Graz

In welchen Zeiten leben wir?

Um es mit den berühmten Worten von Karl Kraus zu sagen: „In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt.“

Vielleicht werden wir auf unsere heutige Zeit zärtlich zurückblicken, vielleicht aber auch reumütig, bereits wissend, dass dies eine Vorkriegszeit war.

Aber dieser Moment ist noch nicht gekommen, nicht für uns, nicht hier in felix Austria. Eigentlich leben wir noch immer in einer verstaubten Nachkriegszeit, derjenigen nach dem letzten großen Krieg in Europa. Niemand hat diesen Stand der Dinge bislang aufgehoben. Deshalb gilt für uns: party like it’s 1946 oder – da wir in Österreich sind – like it’s 1955.

Wir glauben, oder geben vor, zu glauben, dass internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen noch immer stark sind, Institutionen, die gegründet wurden, um den progressiven globalen Konsens zu vertreten, der Aggressionen verurteilt. Wir glauben, oder geben vor, zu glauben, dass die USA immer noch die Pax Americana durch ihre Vorherrschaft gewährleisten. Und wir glauben, wir wollen fest daran glauben, dass der Antifaschismus eine gemeinsame Plattform bietet und „Nie wieder“ das universelle Passwort der Progressiven ist.

Auch an der kulturellen Front leben wir noch immer in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Sieg über den Faschismus war auch der moralische Sieg der modernen Kunst. Moderne Werte und moderne Kunst – diejenige, die einst als „entartet“ ästhetisch zensiert wurde – wurden nicht nur legalisiert, sondern, oft idealistisch, mit dem Humanismus gleichgesetzt.

In Graz ist diese neue Moderne spät angekommen, um die Mitte der 1960er. Der steirische herbst war ein Teil dieser Zeit, in der das Dunkle noch fortdauerte und das Motto nicht so sehr „Nie wieder“, sondern eher „Genug davon“ lautete.  Es gab dieses liberale Milieu in Graz, das das Festival schuf und unterstützte, diese politisch Konservativen, die auch Antifaschist:innen waren, manchmal gegen ihren Willen, oft aus Gründen der Wiedergutmachung, aber das machte die Sache noch stärker. Sie waren in der Lage, politische Allianzen zu schmieden, für die sie sich nicht schämen mussten. Sie wussten, dass sie die Fenster aufmachen und die Welt hereinlassen mussten.

Hin und wieder frage ich mich, ob es diese liberale, antifaschistische Grazer Gesellschaft, fast eine Familie, die auf Basis eines gemeinsamen moralischen Kompasses und vielleicht auch ein paar dunklen Geheimnissen errichtet wurde, noch gibt?

Reden wir genug darüber, dass die intellektuelle Kultur, die damals geschaffen wurde, das Erbe ist, auf das Graz heute stolz sein muss? Nicht auf den grünen Loden der aufgeklärten Monarchie, nicht auf die antisemitische Heimatdichtung.

Oder wurde, wie der frühere Kleine Zeitung-Redakteur Frido Hütter einmal schrieb, der steirische herbst gegründet, um die politische Sprengkraft der 68er-Bewegung in das ungefährliche Feld der Kunst umzuleiten? Vielleicht hat das Festival, wie Hütter schrieb, eine „angewandte Avantgarde“ geschaffen, die die Politiker:innen versuchten, im Zaum zu halten?

Manchmal versuchen sie dies immer noch, und nicht nur bei uns. „Kunst und Politik“, dieses klassische Aufsatzthema aus der Schule kennt eine besondere Ausprägung in Graz: Kunst und Politiker:innen.

Aber ich frage mich auch, was aus dem größeren Erbe des Nachkriegsantifaschismus wurde, und ob er nicht zusammenbricht wie die gesamte Weltordnung, die nach den Nürnberger Prozessen entstand.

Antifaschist:innen sind bekanntlich gute Kamerad:innen, und das ist die Rolle, die Ernst Toller heuer beim steirischen herbst zufällt. Viele Jahre nach seinem tragischen Tod in den späten 1930ern, dem Tod eines Mannes, der bereits wusste, dass „Nie wieder“ nicht funktionieren würde, ist er uns bei unserem provokanten Titel zu Hilfe geeilt.

„Never again peace“ ist mir eingefallen, bevor ich es überhaupt gegoogelt und herausgefunden habe, dass wir ein wunderbares Alibi in Form von Tollers bunter, satirischer Komödie „Nie wieder Friede“ haben, um die herum wir heuer so vieles tun. Denn unser „Nie wieder Friede“ wird von aktuellen Ereignissen bestimmt. Es gibt keinen Frieden, richtig. Aber es gibt auch kein „Nie wieder“ mehr.

Wir erleben heute eine dreiste Perversion von Wörtern und Bedeutungen, eine massive und sehr gewaltsame Neuschreibung von dem, was ich als endgültigen Konsens betrachtet habe. Putins Krieg in der Ukraine beruht auf der unleugbaren Tatsache des sowjetischen Siegs über den Faschismus in Berlin und ist gleichzeitig ein Kampf gegen mythische „ukrainische Faschisten“ von heute. Frieden ist das offizielle Ziel dieses Kriegs. Netanjahu und seine Regierung nutzen den Verweis auf die unleugbare Tatsache des Holocaust und die Verbrechen des Dritten Reichs, um ihre eigenen genozidalen Verbrechen gegenüber der gesamten Bevölkerung Gazas zu rechtfertigen. Die Vergeltung für die Verbrechen der Hamas ähnelt mehr und mehr einem Versuch, die gesamte Bevölkerung Gazas zu vertreiben – oder auszuhungern –, um die Region „araberfrei“ zu halten.

Die komplette Geschichte des heroischen Siegs über den Faschismus, ebenso wie das tragische Schicksal der europäischen Jüdinnen und Juden und anderer rechtlosen Gruppen, ist beschmutzt. Das unfehlbare Argument ist kaputt. Dieses historische Beispiel, dieses rhetorische Mittel, scheint fortan nutzlos zu sein. Wir haben es verloren. Wir müssen künftig ohne es leben. Wir befinden uns gewissermaßen in einer Stunde Null. Der rhetorische Krieg ist verloren.

Wir haben unsere Reise heute mit LIGNA begonnen, auf dem Freiheitsplatz. Es stimmt: Freiheit ist nur der Anfang, kein Selbstzweck, auch wenn es eines dieser Wörter ist, das schnell in den Wahlspruch-Modus abgleitet. Das Wort „Freiheit“ teilt das bedauerliche Schicksal, schnell seinen Wert zu verlieren, mit dem Wort „Frieden“. Frieden kann Krieg bedeuten, wie wir sehen. Freiheit kann sehr leicht Unfreiheit bedeuten, für die es nicht einmal ein eigenes Wort gibt, als ob die Freiheit so grenzenlos wäre, dass sie den ganzen Raum des menschlichen Lebens einnehmen und Unfreiheit Tod bedeuten würde.

Das trifft auf einige Menschen zu, aber nicht auf alle. Viele Leute in Russland haben ihre Freiheit freiwillig einem Diktator hergeschenkt – um sich frei von der Freiheit zu fühlen. Nicht nur frei von der Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, was uns an das Dritte Reich erinnern könnte, sondern frei von den gesellschaftlichen Regeln, die man heute mit dem Westen verbindet, wo der Müll getrennt wird, rote Ampeln beachtet werden, Filme gratis aus dem Internet laden illegal ist und sexistische Witze nur geflüstert werden. Dieser Westen erscheint zu ordentlich, zu moralistisch, zu politisch vielleicht. Russland wird paradoxerweise zu einem Land, das frei von Politik ist, ein idealer Ort, um Kunst zu schaffen, die „echte Kunst“ und kein „wokes Statement“ ist.

So viel zu Russland. Aber in Israel fühlen sich auch viele Leute frei, definitiv freier als die Palästinenser:innen, und das nicht wegen des politischen Regimes,  das manche gerne ignorieren, sondern weil sie glauben, Teil der „freien Welt“ und deshalb bessere Menschen zu sein, deren Leben mehr wert ist.

Liberté, die in einem so engen Bund mit égalité und fraternité stand, kann heute als Instrument für Klassen- und Rassenhierarchien dienen.

Aber wie steht es um die Kunst: Ist sie der Ort der Freiheit? In der deutschsprachigen Welt scheinen beide eng verbunden zu sein: Die Kunstfreiheit steht im österreichischen Grundgesetz (und auch im deutschen). Sie steht auch in meinem Arbeitsvertrag.

Doch was bedeutet es, wenn Künstler:innen eine besondere Form der Meinungsfreiheit erhalten, die scheinbar höher steht als die allgemeine Meinungsfreiheit und – wenn auch nur leicht – über die Freiheiten und Rechte der anderen Bürger:innen hinausgeht, die nicht beweisen können, dass sie Künstler:innen sind?

Man muss nur eine wahrhaft politische Aussage – und eine schwierige dazu – in der Form eines Kunstwerks schaffen oder ausstellen. Mein Gefühl sagt mir, dass man in manchen Kontexten dann hören würde: „Das ist keine Kunst“, „das ist Propaganda“, und deshalb genießt es nicht das Privileg, frei zu sein. Es scheint, die Kunst gilt nur als frei, wenn sie frei von Politik ist, und die Meinungsfreiheit wird der Kunst nicht gewährt … weil es Kunst ist und es in der Kunst um Schönheit geht.

Na ja, um Schönheit ging es einmal, aber heute weiß jeder, dass diese Zeiten passé sind. Dennoch soll die Kunst unbestreitbare Qualitäten verkörpern: Es geht jetzt eher um den Geist der Gemeinschaft, die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, an einem Ort, wo sie ihre politischen Meinungsverschiedenheiten vergessen würden.

Diese einzige Antwort darauf lautet, dass die Meinungsfreiheit der Kunstfreiheit nicht einfach vorausgeht, sondern diese umfasst. Die Kunst hat keine besondere Freiheit, die größer ist als die Freiheit der restlichen Gesellschaft. Wo sie sich drastische, gewaltsame Freiheiten herausnimmt, so wie es der Fall beim Wiener Aktionismus oder bei Pussy Riot war, ist dies ein Symptom einer unbenannten Unfreiheit um sie herum, ein lauter Aufschrei darüber. Beim steirischen herbst reden wir viel, unterhalten uns viel, manchmal singen wir, manchmal flüstern wir. Aber wenn der Moment gekommen ist, werden wir auch schreien können.

Die im Schauspielhaus Graz gehaltene Rede ist eine gekürzte Fassung (mit Passagen aus dem Stegreif) des hier wiedergegebenen Texts.