Der Krieg der Jahreszeiten: Eine verdrängte Vorgeschichte des steirischen herbst (II)

31.7.26 / Herwig G. Höller

In diesem Blog berichtet steirischer herbst-Research Fellow und Journalist Herwig G. Höller über seine Entdeckungen im Festivalarchiv. Sie offenbaren oft überraschende Verbindungen zwischen dem steirischen herbst und der Welt der – lokalen wie internationalen – Politik.

Der „Gründungsakt“ des steirischen herbst, Auszug aus dem Sitzungsprotokoll des Verwaltungsausschusses der Grazer Sommerspiele, 29. Mai 1967, Steiermärkisches Landesarchiv, Bestand Landesregierung, 372/II S 1 1968

Nach ihren Anfängen als Grazer Festwoche unmittelbar nach Kriegsende und der Gründung des Vereins Grazer Festspielgemeinde im Jahr 1947 etablierten sich die Grazer Sommerspiele als fester Bestandteil des steirischen Kulturkalenders (siehe Teil I dieses herbstleaks). Unerreicht blieben für die Sommerspiele jedoch überregionale oder gar internationale Relevanz: „Ich glaube, dass die Grazer Festspiele nur für die Grazer und die Steiermark sind, mehr können wir nicht verlangen. Wir sind nun einmal im letzten Winkel und dies zeigt sich schon darin, dass wir nicht einmal einen westdeutschen Kritiker bei uns hatten. Wir sind vom internationalen Leben abgeschlossen“, konstatierte 1954 Kulturmanager Ulrich Baumgartner (1918–1984), später Intendant der Wiener Festwochen und Kurator beim steirischen herbst.

Auszug aus dem Protokoll einer „Krisensitzung“ der Grazer Festspiele, 16. Juni 1954, Steiermärkisches Landesarchiv, Bestand Landesregierung, 372/II S 4-1952

Die für das Programm verantwortlichen Vereinigten Bühnen Graz und der Musikverein für Steiermark waren mit dem Status quo durchaus zufrieden, und auch Bürgermeister Gustav Scherbaum (SPÖ) wollte die Sommerspiele beibehalten. Dennoch reagierte in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre Kulturlandesrat Hanns Koren (ÖVP) auf die programmatische Dauerkrise. Bei einer Sitzung des Sommerspiele-Verwaltungsausschusses am 7. November 1966 machte er mit Verweis auf unbeständiges Wetter und den Erfolg der – unter anderem wegen der Universitätsferien – in den Herbst verlegten Steirischen Akademie klar, dass für eine Weiterführung der Festivals im Juni und Juli „die einhellige Zustimmung der Landesregierung“ nicht mehr gegeben sei. Allerdings müsse so vorgegangen werden, dass die Bundessubvention nicht verloren ginge.

Die Sommerspiele gründen den steirischen herbst

So lässt sich auch verstehen, dass der erste steirische herbst formal in den Sommerspielen versteckt wurde. Der Verwaltungsausschuss beschloss am 29. Mai 1967 einstimmig, dass die Sommerspiele in verkleinertem Ausmaß mit 70 bis 80 Prozent des Budgets weitergeführt werden sollten. Mit der restlichen Summe sollte erstmals ein „Steirischer Herbst“ als Rahmenveranstaltung für die Steirische Akademie stattfinden. Verantwortlich für das Programm blieben Vereinigte Bühnen und Musikverein; zu bildender Kunst, die in den Sommerspielen keine Rolle gespielt hatte, sagte der Beschluss nichts. „Diese Regelung wird als Provisorium und als Experiment für das Jahr 1968 angesehen“, hieß es. Provisorien sind in Österreich beständig und 1969 waren die Sommerspiele Geschichte. Mit der Ernennung Paul Kaufmanns zum Generalsekretär des steirischen herbst verloren Vereinigte Bühnen und Musikverein ihre Kontrolle über das neue Festival.

Schreiben aus dem Büro des Landeshauptmanns an die Rechtsabteilung des Landes Steiermark, 11. April 1968, Steiermärkisches Landesarchiv, Bestand Landesregierung, 372/II S 1/8-1968

Im Archiv des steirischen herbst finden sich erstaunlich wenig Verweise auf die Sommerspiele – kein einziges Mal erwähnt wird nach aktuellem Recherchestand selbst die Sitzung des Verwaltungsausschusses vom 29. Mai 1967. Nicht vergessen hatte diese Vorgeschichte jedoch Peter Vujica (1937–2013). In seiner Kurzbiografie wurde es zwar nicht erwähnt, und er scheint es später auch nicht aktiv kommuniziert zu haben, aber der erste Intendant des steirischen herbst (1983–89) war in den 1960er-Jahren für die Sommerspiele tätig: 1965 war er etwa Redakteur des Programmhefts.

Die Styriarte als Neuauflage der Sommerspiele?

In einem vertraulichen Brief an Landesrat Kurt Jungwirth warnte Vujica am 15. Mai 1984 auch mit Verweis auf die Sommerspiele vor der „Neugründung eines ausschließlich auf das Traditionelle verhafteten Festivals in Graz“, die von maßgeblichen Medienvertreter:innen als „Rückzug aus der Gegenwart“ gewertet würde. Konkret versuchte er damit, die künftige Styriarte zu verhindern, die 1985 das erste Mal stattfinden sollte.

„Ich sage das, weil ich aus dem Gespräch mit Herrn Schuster [dem ersten künstlerischer Leiter der Styriarte] den Eindruck gewinnen musste, dass diese Programme, nimmt man die Harnoncourt-Konzerte aus, bei aller krampfhaften Beschwörung geistiger Konzeptionen im Hinblick auf Wiedergaben, letztendlich doch auf das hinauslaufen müssen, was verhindert werden sollte, auf einen späten Aufguss der Bregenzer, Salzburger und Wiener Aktivitäten“, schrieb der Intendant. In einer Zeit, in der Wien zu einer Materialschlacht auf dem Gebiet der Gegenwartskunst antrete, sei es ungünstig, in einen Konkurrenzkampf zu treten, in dem man auf alle Fälle unterliegen müsse.

„So wie ich, weißt auch Du, dass Graz und die Steiermark im Ausland als Heimat der neuen Kunst gelten. Dieses Image ist sehr sensibel und könnte durch eine leichtfertige Programmdramaturgie der geplanten sommerlichen Aktivitäten recht schnell gestört werden, ohne dass sich für letztere ein Vorteil daraus ergäbe“, argumentierte er.1

Aktenvermerk von Peter Vujica für Paul Kaufmann, 5. Juni 1985, Archiv steirischer herbst

Vujica konnte die Gründung der Styriarte freilich nicht verhindern, hatte mit dem Festival, das wie der steirische herbst ebenso im Palais Attems untergebracht wurde, aber sichtlich keine Freude. „Der steirische herbst hat im Hof zwei Parkplätze, von denen zur Zeit nur einer von mir genutzt wird. Da ich mir vorstellen kann, dass die Styriarte demnächst auch in den Hof fahren wird, möchte ich es vermeiden, dass unser zweiter Parkplatz von den Mitarbeitern der Styriarte einverleibt wird. Mein Vorschlag ist, das Herr Peter Waitz bis auf Widerruf seinen Wagen in den Hof fahren kann“, hießt es am 5. April 1985 in einem Aktenvermerk an Generalsekretär Paul Kaufmann.

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Mit Vujicas Brief erstmals 2026 konfrontiert, erklärte der angesprochene Wolfgang Schuster, einerseits amüsiert zu sein, andererseits das Schreiben als Menetekel für all das zu sehen, was er später in der Steiermark an Intrigen erlebt habe. Er habe nicht an einen Abklatsch aus Salzburg oder Bregenz gedacht, sondern an faszinierende neue Aspekte in der Alten Musik. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein so intelligenter Mann wie Dr. Vujica dies nicht verstanden haben soll. Eher scheint mir der Grund für seine Auslassungen in der Sorge um den teilweisen Verlust von Subventionen gelegen zu sein“, schrieb Schuster am 25. Mai 2026 in einer Mail an den Autor.