Der Krieg der Jahreszeiten: Eine verdrängte Vorgeschichte des steirischen herbst (I)
24.7.26 / Herwig G. Höller
In diesem Blog berichtet steirischer herbst-Research Fellow und Journalist Herwig G. Höller über seine Entdeckungen im Festivalarchiv. Sie offenbaren oft überraschende Verbindungen zwischen dem steirischen herbst und der Welt der – lokalen wie internationalen – Politik.
Valerie Horrow, Foto: Monika Pölzl / Familie Horrow-Hands
In der traditionellen Geschichtsschreibung des steirischen herbst kommt ein zwischen 1946 und 1968 in Graz veranstaltetes Sommerfestival maximal als Fußnote vor – zu Unrecht. Nicht nur, dass die Grazer Sommerspiele eine maßgebliche Rolle im steirischen Kulturbetrieb spielten und der steirische herbst formal sogar von einem Gremium dieses Festivals ins Leben gerufen wurde: Für den ersten herbst-Intendanten Peter Vujica blieben sie ein Gegenmodell zu seinem modernistischen Festival, weshalb er sich hinter den Kulissen 1984 auch gegen die Gründung der Styriarte aussprach.
Valerie Horrow
Obwohl Valerie Horrow (1918–2008) in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine zentrale Grazer Kulturakteurin war und auch jenes Festival organisierte, das zwei Jahrzehnte später in den steirischen herbst verwandelt werden sollte, ist sie heute nahezu völlig vergessen. 1918 im tschechischen Jaroměř geboren, war ihre aus Czernowitz stammende Familie nach dem Zerfall der Monarchie nach Graz gezogen, wo ihr Vater Max Horrow (1889–1967) zunächst in der Steiermärkischen Escompte-Bank arbeitete, Jus studierte und sich anschließend als Repetitor betätigte. Im Sommer 1945 begann er Strafrecht an der Universität Graz zu unterrichten und galt dort als strenger Prüfer, der unter anderem den späteren Landeshauptmann Josef Krainer junior durchfallen ließ.1
Tochter Valerie arbeitete zumindest seit 1940 als Sekretärin im völlig gleichgeschalteten Musikverein für Steiermark, an dessen Aktivitäten führende Vertreter des NS-Regimes vor Ort großes Interesse zeigten.2 1944 wechselte sie zu einer Konzertdirektion nach Wien. Im Rahmen einer Überprüfung teilte die Gauleitung Steiermark der NSDAP im September 1944 mit, dass über sie weder in politischer noch in charakterlicher Sicht etwas Nachteiliges vorliege.3
Die Gründung der Grazer Festwochen
Monuments and Fine Arts Lists, Receipts and Reports of Objects for Restitution to Legal Ownership—408-1/A—Monuments and Fine Arts–Salzburg Festivals, 14, Record Group 260, US National Archives.
Monuments and Fine Arts Lists, Receipts and Reports of Objects for Restitution to Legal Ownership—408-1/A—Monuments and Fine Arts–Salzburg Festivals, 21, Record Group 260, US National Archives. (Wahrscheinlich Kommentare eines US-Vertreters zu Programmvorschlägen von Horrow. Karl Böhm ging 1945 in Graz noch durch.)
Wirklich relevant wurde Valerie Horrow aber erst nach dem Untergang des Dritten Reichs: Zurück im zunächst sowjetisch besetzten Graz avancierte sie zur Geschäftsführerin des Musikvereins für Steiermark – laut eigenen Ausführungen Anfang Mai 1945, laut Verein selbst am 29. Juni 1945.4 Aufgrund seiner Verstrickungen in den Nationalsozialismus war der bisherige Leiter und Horrows vormaliger Chef Hermann von Schmeidel (1894–1953) nicht mehr zu halten gewesen.
Für beträchtlichen Handlungsspielraum sorgte aber insbesondere eine private Beziehung: Spätestens am 26. Juli 1945 – wenige Tage nachdem die britischen die sowjetischen Besatzungstruppen abgelöst hatten – lernte Horrow den für Bildung und Kultur zuständigen Oberstleutnant James R. Hands kennen, den sie im Oktober 1946 heiraten sollte. Das austro-britische „Gspusi“ scheint relativ bald bekannt geworden zu sein. Valerie Horrow fungierte daher im Herbst 1945 auch als Backchannel zwischen den Briten und dem untergetauchten steirischen Gauhauptmann und SS-Oberführer Armin Dadieu, der mit Hands’ Wissen sogar einige Zeit im Haus der Familie Horrow versteckt werden sollte.5
Vorwiegend beschäftigte sich Horrow ab Sommer 1945 jedoch mit der Planung eines Festivals. So tauchte sie bereits im August 1945 mit einem Unterstützungsschreiben Hands’ in Salzburg auf, um am Rande der von den US-Besatzungsbehörden wiederbelebten Salzburger Festspiele Musiker:innen für eine Veranstaltung in Graz zu rekrutieren. Zwischen 9. und 16. September 1945 fand diese erste „Grazer Festwoche“ auch tatsächlich statt, bei der erstmals seit Kriegsende der Grazer Stardirigent Karl Böhm wieder auftrat. Mit einem Programm aus klassischen Konzerten, Opernaufführungen sowie einem Jedermann-Gastspiel des Burgtheaters wurde das Festival im Sommer 1946 als Grazer Festwochen institutionalisiert. In Folge fande sie als Grazer Festspiele (1947–53) und schließlich als Grazer Sommerspiele (1954–68) statt.
Die Festwochen unter britischer Besatzung
In seinen Anfangsjahren nutzten die Besatzungstruppen das Festival zweifelsohne für öffentliche Auftritte. Dennoch ist unklar, ob die militärische und politische Führung der Briten die Veranstaltung als wirklich wichtiges Element ihrer Kulturpolitik sahen, oder ob es nicht eher eine Privatinitiative des Tandems Hands-Horrow war. Für Letzteres würde etwa sprechen, dass der 1946 als Hauptdirigent (und Zugpferd) verpflichtete Karl Böhm drei Wochen vor Beginn der Festwochen von den britischen Besatzungsbehörden mit einem Auftrittsverbot belegt wurde. Hands’ Education Branch leistete gegen die Entscheidung aus Wien keinen Widerstand und gab später den amerikanischen Verbündeten die Schuld – diese hätten die NS-Vorwürfe gegen Böhm an die Briten übermittelt und dadurch den Salzburger Festspielen einen Vorteil verschafft.6
Akten zu Horrows Aktivitäten bei den Grazer Festwochen zwischen 1945 und 1947 sind nicht überliefert. In den im Steiermärkischen Landesarchiv verfügbaren Dokumenten für die Zeit danach fehlen Hinweise auf eine relevante Rolle der britischen Besatzungsbehörden beim Festival.
Die Grazer Festspiele und der Kalte Krieg
Ankündigung der Sommerspiele nach der Ära Horrow, 1948, Steiermärkisches Landesarchiv, Bestand Landesregierung 372/II S 4-1952
Im Zusammenhang mit dem Kalten Kriegs könnten hingegen nicht realisierte Pläne eines illustren Auslandsösterreichers gestanden sein. So informierte das Unterrichtsministerium die steirische Landesregierung am 9. Februar 1949 über die Absicht „einiger Persönlichkeiten in Zürich, sich zur Organisation eines Vereines zusammenzuschließen, welche sich die Freilichtbühne auf dem Schlossberg in Graz, sowie die Ausübung einer Art von Patronanz über die Grazer Festspiele zur Aufgabe machen will“. Als Proponent wurde der Bankier Richard Kronstein (1894–1971) genannt.
Während die österreichische Staatspolizei über Kronsteins Aktivitäten praktisch nichts wusste, sahen ihn britische Dienste in Verbindung mit Sponsoring der Demokratische Union, einer prosowjetischen, bürgerlichen Kleinpartei. Ihr künftiger Chef Josef Dobretsberger (1903–1970) wurde im Februar 1948 in den Aufsichtsrat des neuen Festivalträgervereins Grazer Festspielgemeinde berufen. Laut einem geheimen britischen Bericht aus dem Mai 1950 soll Kronstein fragwürdige Osthandelsgeschäfte finanziert und womöglich selbst Geld von den Sowjets bekommen haben.7 Ein naher Verwandter des Bankiers – so hieß es damals – arbeite für Dobretsberger, der nach Ende seiner politischen Laufbahn zu einem maßgeblichen Propagandisten des Osthandels wurde.
Inhaltlich blieben die Sommerspiele mit ihrer Ausrichtung auf klassische Hochkultur fast bis zu ihrem Ende weitgehend im Rahmen dessen, was Horrow begonnen hatte. Erst in den letzten Ausgaben war eine gewisse Öffnung zum Zeitgenössischen zu beobachten – etwa mit Ausstellungen der Grazer Künstler Heinrich Pölzl (1925–2016) und Jorrit Tornquist (1938–2023) oder auch Katalogbeiträgen des Grazer Dramatikers Wolfgang Bauer (1941–2005) und des deutschen Komponisten Hans Werner Henze (1926–2012). Letztere avancierten später zu Aushängeschildern des steirischen herbst.
Fortsetzung folgt.
- 1
- Elisabeth Welzig, „‚Hinaus in eine größere Welt‘: Der Student Josef Krainer“, Unizeit, 1998, Heft 3, 41–43, https://unipub.uni-graz.at/download/pdf/365109.pdf.
- 2
- W. S., „Musikpflege im Reichsgau Steiermark“, Signale für die musikalische Welt 97, Nr. 29/30 (1939): 414, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=smw&datum=19390129&ref=anno-search&seite=14.
- 3
- Österreichisches Staatsarchiv / Archiv der Republik / ZnsZ / GA 307.434.
- 4
- Valerie Horrow-Hands, „Der Wiederaufbau des Grazer Kulturbetriebs 1945–47“, in Die „britische“ Steiermark 1945–1955, hrsg. Siegfried Beer (Historische Landeskommission für Steiermark, 1995), 613–20; Julia Eder, „Die Bedeutung von Frauen in der Geschichte des Musikvereins für Steiermark“, in Im Jahrestakt: 200 Jahre Musikverein für Steiermark, hrsg. Michael Nemeth (Böhlau, 2015).
- 5
- Dadieus Tochter Renate Moszkowicz erzählte dies dem Autor in einem Gespräch am 25. Juni 2008, sprach jedoch irrtümlich von einer „Valli Horwath“ aus dem Musikverein. Eine Enkelin von Max Horrow bestätigte dem Autor im Juni 2026, dass ihre Familie tatsächlich Dadieu versteckt hatte. Moszkowicz selbst wollte später anscheinend den Namen „zur Wahrung der Privatsphäre der jüdischen Bekannten“ nicht mehr nennen. Ob die Familie Horrow wirklich jüdischer Abstammung ist unklar: Max Horrow scheint – laut der „Geburts-Matrik der Israeliten“ – womöglich als „Max Jankel“ bis 1913 Mitglied der israelitischen Kultusgemeinde in Czernowitz gewesen zu sein. Später gab er jedoch einen polnischen leiblichen Vater an, der ihm auch tatsächlich ähnlich sah. Wie er die NS-Behörden überzeugen konnte, keine jüdischen Wurzeln zu haben, ist unbekannt. Auch nicht, ob Dadieu Horrow wirklich „über die Zeit“ gebracht hatte. Letzteres erklärte Moszkowicz 2014 dem Historiker Maximilian Brunner, ohne weitere Details zu nennen (Maximillian Brunner, „Armin Dadieu: Versuch der Biographie eines Nationalsozialisten“, Masterarbeit (Universität Graz, 2017)).
- 6
- Johannes Feichtinger und Eduard G. Staudinger, „Aspekte des kulturellen Wiederaufbaus in der Steiermark zwischen Kooperation und Kontrolle“, in Die „britische“ Steiermark 1945–1955, hrsg. Siegfried Beer (Historische Landeskommission für Steiermark, 1995), 499–528.
- 7
- Österreichisches Staatsarchiv / Archiv der Republik / AA / Foreign Office General Zone, Kt. 44.