Intervention! Wie ein Brief Erich Honeckers im Festivalarchiv landete und Wolfgang Schüssel im „Ehrenbuch“ des steirischen herbst
30.4.26 / Herwig G. Höller
In diesem Blog berichtet steirischer herbst-Research Fellow und Journalist Herwig G. Höller über seine Entdeckungen im Festivalarchiv. Sie offenbaren oft überraschende Verbindungen zwischen dem steirischen herbst und der Welt der – lokalen wie internationalen – Politik.
Auszug aus der „Interventionsmappe“ von Paul Kaufmann, 1979, Archiv steirischer herbst
Paul Kaufmann, Generalsekretär des steirischen herbst (1968–90), Foto: Archiv steirischer herbst / Peter Philipp
Im Archiv des steirischen herbst befindet sich ein kleiner Aktenbestand, der dort eigentlich nicht sein sollte. Die betreffenden Dokumente aus den späten 1970er-Jahren dürften einfach im Büro vergessen worden sein – entstanden waren sie als Teil der politischen Tätigkeit von Paul Kaufmann (1925–2015). Der langjährige Generalsekretär des steirischen herbst (1968–90) war nicht nur Landesbeamter, zwischen 1971 und 1983 saß er auch mit Unterbrechungen für die ÖVP im Nationalrat. Als Abgeordneter beschäftigte er sich auch mit Anliegen von Freund:innen, ebenso wie von Bürger:innen. Knapp fünfzig Jahre später wirken diese Akten angesichts des aktuellen Prozesses wegen Amtsmissbrauch gegen den ÖVP-Politiker August Wöginger nahezu brisant. Seinerzeit gehörte Derartiges freilich eher zur job description von Volksvertreter:innen – ungeachtet ihrer parteipolitischen Zugehörigkeit.
„Lieber Bernd, sei mir nicht böse, dass ich schon wieder lästig werde. Aber ich tue das nur, weil wiederum die anderen mir lästig werden. Es handelt sich um bewussten Thomas E., den Du freundlicherweise Herrn Generalsekretär Dr. Radl ‚an die warme Brust‘ gelegt hast“, schrieb der ÖVP-Nationalrat am 5. April 1979 an den ÖVP-Landtagsabgeordneten Bernd Schilcher, gleichzeitig auch Mitglied im Präsidium im steirischen herbst. Da sich nichts rühre, seien die Eltern und E. selbst schon unruhig geworden.
Paul Kaufmann an Bernd Schilcher, 5. April 1979, Archiv steirischer herbst
Paul Kaufmann und Bernd Schilcher bei der Eröffnung von trigon 79, steirischer herbst ’79, Foto: steirischer herbst Archiv / Peter Philipp
Es würde ihm sehr daran liegen, dass der Fall positiv erledigt würde, betonte Kaufmann: „Ich weiß, daß man Geduld haben muss und daß man keine Wunder vollbringen kann. Leider wissen das aber die anderen nicht“, erklärte er. Dass Schilcher kontaktiert wurde, hatte mit dessen Funktion als Vertreter der Steiermark im ORF-Kuratorium zu tun; bei „Radl“ handelt es sich um den damaligen, ÖVP-nahen ORF-Generalsekretär Peter Radel. Die Causa, deren Ausgang im Festivalarchiv nicht überliefert ist, war sichtlich schwierig: Bevor die mit Kaufmann befreundete Mutter E.s einen Brief an diesen geschrieben hatte, waren bereits ein Onkel und eine Tante, beide im ORF tätig, mit Versuchen gescheitert, ihren Verwandten im Rundfunk unterzubringen.
Für den Sohn eines Salzburger Freundes kümmerte sich Kaufmann um einen Turnusplatz als Mediziner sowie um eine Genossenschaftswohnung. Vielfältig betreute er seinerzeit aber vor allem die Familie eines befreundeten Funktionärs der steirischen Landwirtschaftskammer: Eine Tochter der Familie versuchte der Abgeordnete im Landesfremdenverkehrsamt oder in London unterzubringen, für einen Sohn suchte er mithilfe des Präsidenten der Wirtschaftskammer Wien einen Job.
Der Fall eines weiteren Sohns der Familie sollte indes Partei- und Regierungschefs beschäftigen: Der junge Österreicher hatte sich während eines Arbeitsaufenthalts in Ostberlin in eine DDR-Staatsbürgerin verliebt. Er bekam infolge kein Dauervisum mehr, sie wurde beruflich degradiert und ihr wiederholt eine Heiratserlaubnis versagt. Nachdem alle relevanten österreichischen Dienststellen eingeschaltet wurden, sorgte schließlich ein Brief des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky an den Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, für ein Happy End.
Erich Honecker an Bruno Kreisky, Archiv steirischer herbst
„Entsprechend Ihrer Bitte habe ich das Anliegen der Eheschließung zwischen dem österreichischen Staatsbürger … und Fräulein … überprüfen lassen. Durch die zuständigen staatlichen Organe wurde auf Grund meiner Empfehlung für … die Genehmigung zur Heirat und Übersiedlung nach Österreich erteilt. Somit steht dieser Eheschließung nichts mehr entgegen“, antwortete Honecker. Er freue sich, gemeinsam mit Kreisky „für das Glück dieser jungen Leute“ etwas getan haben zu können. Eine Kopie der Korrespondenz gelangte auch an Kaufmann und somit zum steirischen herbst.
Der Nationalrat engagierte sich aber auch für Personen, mit deren Familien er nicht befreundet war. Der gebürtigen Ungarin Magdolna T. half er etwa bei der Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft, dem Nebenerwerbsbauern Alois H. bei einem Ansuchen um Wohnbauförderung.
Manchmal wurde freilich auch für Festivalmitarbeiter:innen interveniert. In Kaufmanns „Interventionsmappe“ von 1979 findet sich etwa ein Schreiben an die mittlerweile abgerissene Hummel-Kaserne in Graz-Wetzelsdorf. Der Pressereferent des steirischen herbst, Herbert Pschenitschnik, später Nichols bzw. Nichols-Schweiger, absolvierte im Mai 1979 seine „3. ATÜ“ (allgemeine Truppenübung). Für den 14. Mai sollte er dienstfrei gestellt werden, um an einer Sitzung des Programm-Direktoriums teilzunehmen. Die Angelegenheit war dringend, auf einem Entwurf dieses Briefs hatte der Pressereferent selbst scherzhaft „Bitte, ‚rettet‘ mich!“ vermerkt.
Paul Kaufmann an das Kommando der Werkstattkompanie des Versorgungsregiments 2, 5. Juli 1979, Archiv steirischer herbst
Paul Kaufmann an Wolfgang Schüssel, 5. März 1986, Archiv steirischer herbst
Interventionen für den steirischen herbst und seine Mitarbeiter:innen gab es freilich auch später: Im März 1986 bedankte sich Kaufmann beim damaligen Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes, Wolfgang Schüssel, für eine erfolgreiche Intervention bei der Wirtschaftskammer. Man habe eine gewünschte Exportrückvergütung erhalten. „Die Eintragung in das Ehrenbuch des ‚steirischen herbstes‘, und zwar in goldenen Lettern, ist Dir sicher“, schrieb Kaufmann an den späteren Bundeskanzler. Auch ein weiterer Brief aus dem Jahr 1984 zeigt, dass man den aufstrebenden ÖVP-Politiker als Verbündeten sah; Kaufmann informierte ihn über die Bedeutung von privaten Sponsoren für den steirischen herbst.
Keinen Erfolg zeitigten indes 1988 die Bemühungen, Charlotte Sucher, der rechten Hand von Intendant Peter Vujica, auch aus dienstlichem Interesse einen privaten Telefonanschluss in der Münzgrabenstraße zu organisieren. Festivalpräsident und Landeshauptmannstellvertreter Kurt Jungwirth wandte sich deshalb an den Präsidenten der Post- und Telegraphendirektion für Steiermark, Hans Binder. Letzterer bedauerte, eine prompte Erledigung des Anliegens nicht in Aussicht stellen zu können. Wegen „Vollbeschaltung des dortigen Leitungsnetzes“ sei das nicht möglich, mit einem Anschluss erst im Sommer 1989 zu rechnen.
Paul Kaufmann an Kurt Jungwirth, 9. März 1988, Archiv steirischer herbst
Hans Binder an Kurt Jungwirth, 18. April 1988, Archiv steirischer herbst
Interveniert wurde freilich auch beim Festival selbst, das sich jedoch als weitgehend resistent erwies. Obwohl sich 1986 und 1987 Landeshauptmann Josef Krainer junior nachdrücklich dafür einsetzte, dass der durchaus begabte Sohn eines verstorbenen ÖVP-Politikers einen Werkvertrag erhalte, und neben Briefen aus seinem Büro sogar ein an Krainer adressiertes Schreiben einer ÖVP-Bezirksorganisation zum steirischen herbst gelangte, wurde der Betreffende nicht engagiert. „Nach mehrmaligen Rücksprachen mit unserem Intendanten Dr. Peter Vujica muß ich Ihnen daher sagen, daß ich zur Zeit keine Möglichkeit sehe, wie wir Herrn … in den Steirischen Herbst integrieren könnten“, antworte der Generalsekretär schließlich Krainers Sekretär Manfred Lind.
Einfluss sollte womöglich auch auf Nachbesetzungen der Intendanz ausgeübt werden. Die damalige FPÖ-Politikerin und langjährige Aufsichtsrätin des steirischen herbst, Margit Uray-Frick, konnte sich in einem Interview 2025 an zwei einschlägige Anrufe erinnern. Einmal habe sie der damalige Staatsoperndirektor Ioan Holender angerufen, der sich selbst in einem Telefonat im April 2026 jedoch nicht an eine derartige Intervention erinnern konnte und auch versicherte, keine Aufsichtsratsmitglieder gekannt zu haben.
Andererseits sprach Uray-Frick vom Anruf eines hochrangigen steirischen ÖVP-Politikers, dessen Namen sie nicht nennen wollte. „Ich habe ihm gesagt: Entschuldige, warum rufst Du nicht Deine schwarzen Brüder an?“, erzählte die Ex-Politikerin, die 2008 aus der FPÖ ausgetreten ist. Der Anrufer habe sich dann an den ehemaligen ÖVP-Landesrat und Festivalpräsidenten Kurt Jungwirth gewandt. „Frau Kollegin, was tun wir?“, habe Jungwirth in einem nachfolgenden Telefonat gefragt. „Herr Präsident, was wir immer tun: Wir nehmen den [Intendanten], der uns am besten gefällt“, habe sie erwidert. Mit Jungwirths „Danke, das wollte ich hören“ sei das Gespräch beendet und die Geschichte erledigt gewesen.