Verbrecherbalken gegen Barock

30.3.26 / Herwig G. Höller

In diesem Blog berichtet steirischer herbst-Research Fellow und Journalist Herwig G. Höller über seine Entdeckungen im Festivalarchiv. Sie offenbaren oft überraschende Verbindungen zwischen dem steirischen herbst und der Welt der – lokalen wie internationalen – Politik.

Ein vergilbter Zeitungsartikel mit der Überschrift "Die Schlacht ums kalte Buffet" und Fotos von essenden Menschen, deren Augen mit einem schwarzen Balken bedeckt sind

Ausschnitt aus der Kleinen Zeitung vom 19. September 1983, Archiv steirischer herbst, mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung

Die Empfänge des Landeshauptmanns waren traditionell eines der wichtigsten Formate der steiermärkischen Politinszenierung. Während etwa für internationale Konferenzen oder Jubiläen lokaler Institutionen eher die Grazer Burg – der Sitz des Landeshauptmanns – als Ort infrage kam, implizierte ein Empfang im barocken Ambiente von Schloss Eggenberg besondere Wertschätzung durch den jeweiligen „Landesfürsten“. Diese wurde wiederholt auch dem steirischen herbst zuteil, insbesondere in seinen Anfangsjahren.

1983 war keine Ausnahme: Im ersten Jahr von Peter Vujicas Intendanz lud Landeshauptmann Josef Krainer junior (1930–2016) erneut nach Eggenberg. Die Einladungslisten wurden im Vorfeld zwischen dem steirischen herbst und der Landesregierung abgesprochen. Auffällig war ein sichtlicher Vertrauensvorschuss für Vujica – dieser hatte stolze siebzig „Blanko-Einladungen“ für sich verlangt. Die restlichen Angestellten des Festivals konnten weitere elf Personen nach eigenem Ermessen mitnehmen.

Wie vereinbart, kommen noch 11 Blank-Einladungen für die Angestellten des „steirischen herbst“. Außerdem ersuchen wir um Zusendung von 70 Blanko-Einladungen für Herrn Dr. Vujica.  Mit freundlichen Grüßen

steirischer herbst an die Präsidialabteilung der steiermärkischen Landesregierung, 22. August 1983, Archiv steirischer herbst

Von etwa 800 geladenen Gästen kamen am Abend des 17. Septembers schließlich etwa 700. Nach Händeschütteln mit Landeshauptmann Krainer jun. sowie dessen obligatorischer Ansprache bedienten sie sich – so legten Medienberichte unisono nahe – besonders eifrig am großzügigen Landesbüfett.

Für die Kleine Zeitung beobachtete die vor allem als Gerichtsreporterin bekannte Doris Piringer (1949–2016) das Treiben und fand dafür in der Montagsausgabe vom 19. September 1983 eine unterhaltsame Form von Gesellschaftskritik.1 In „Die Schlacht um das kalte Buffet“ beschrieb Piringer nicht nur jene Kulturtechniken, die ein „Leerfressen/Leerfegen“ eines 100.000-Schilling-Büfetts innerhalb von 20 Minuten ermöglichten.2 Sie spielte auch auf Kriminalberichterstattung an: Alle Familiennamen wurden im Artikel mit dem ersten Buchstaben abgekürzt und bei Fotos von Politikern sowie Funktionären in Büfett-Aktion ein schwarzer „Verbrecherbalken“ über die Augen gelegt – obwohl man diese durchaus noch erkennen konnte. Auffällig war, dass ein Bild mit Landeshauptmann Krainer jun. fehlte, den die Tageszeitung wahrscheinlich nicht als potenziellen Kriminellen darstellen wollte.

Erzürnt auf Piringers Beitrag reagierte am 21. September der steirische Kulturlandesrat und Festivalpräsident Kurt Jungwirth (1929–2025). In einem Brief an Chefredakteur Fritz Csoklich (1929–2009) suggerierte er, dass diese Art von Veröffentlichung „die zerbrechliche Pflanze des Steirischen Herbst“ gefährde. „Ich hoffe, dass es bei der nächsten Herbsteröffnung nur noch einen Katakombenempfang gibt, zu dem nur Journalisten eingeladen werden“, schrieb der ÖVP-Politiker.

Bei der Kleinen Zeitung, die seinerzeit nicht nur fast als Leitorgan des Festivals, sondern auch als dessen Personalressource galt,3 war man um Schadensbegrenzung bemüht: Noch bevor die Zeitung Jungwirths Brief am 28. September ungekürzt abdruckte, veröffentlichte sie am 25. September ein sehr freundliches „Sonntagsporträt“, das den Politiker als frankophilen Intellektuellen präsentierte. Das Büfett selbst blieb zwar unerwähnt, implizit brachte Autorin Erna Lackner den Landesrat aber in größtmögliche Distanz zu jenen durchaus barocken Szenen, die sich im Prunksaal des Barockschlosses abgespielt hatten: Jungwirth wurde im Untertitel als „Ein nicht barocker Kulturpolitiker“ bezeichnet und im Vorspann mit „Der barocke Anteil in der Politik interessiert mich überhaupt nicht“ zitiert.4

Und zwar aus folgenden Gründen: Erstens, eine Aufgabe dieser Tradition würde zweifellos als Minderung der Sympathie seitens der Politiker fehl interpretiert werden.  Zweitens, der Empfang des Steirischen Herbstes ist ein Treffpunkt vieler wichtiger Medienleute, aber tatsächlicher und potenzieller Sponsoren. Es ist eine erwiesene Tatsache, daß die Einladung zum Empfang für manche Geschäftsleute ausschlaggebend ist, den Steirischen Herbst finanziell zu unterstützen. Dadurch spielt gerade dieser Em

Antrag des SPÖ-Klubs im Steiermärkischen Landtag, Dezember 1983, Archiv steirischer herbst

Die Büfett-Causa war damit jedoch nicht ausgestanden: Vertreter des linken SPÖ-Flügels brachten im Dezember 1983 einen Antrag im Landtag ein, in dem sie einen sparsamen Einsatz von Landesmitteln bei Empfängen forderten: „Der Hohe Landtag wolle beschließen: Die Steiermärkische Landesregierung wird aufgefordert, jene Beträge, die jährlich, wie für den nicht nur in den Medien kritisierten Empfang anlässlich der Eröffnung des Steirischen Herbstes ausgegeben wurden, soweit als möglich einzusparen und für andere im Interesse der Bevölkerung liegenden Aktivitäten (in diesem Fall z.B. für andere Veranstaltungen im Rahmen des Steirischen Herbstes) zu verwenden.“

Insbesondere der Richter und spätere Bundespräsidentschaftskandidat Martin Wabl polemisierte im Landtag heftig gegen die Zunahme der Repräsentationsausgaben unter Landeshauptmann Krainer jun. und traf damit einen wunden Punkt. 231 Landesempfänge mit 38.175 geladenen Personen hatten 1982 mehr als fünf Millionen Schilling gekostet (in aktueller Kaufkraft etwas mehr als eine Million Euro). Die Landesregierung sei, entgegnete ÖVP-Landesrat Franz Wegart in der Sitzung vom 14. Dezember 1983, von sogenannten Sitzempfängen zu Stehempfängen übergegangen und habe damit die Durchschnittskosten wesentlich gesenkt. „Und ich sage Ihnen, ich höre es Hunderte Male, wenn wir im Schloss Eggenberg sind oder in der Grazer Burg: Nirgends gibt es eine so herzliche Gastfreundschaft wie in unserem Lande“, so Wegart. Krainer jun. höchstselbst versicherte in derselben Sitzung, dass die Zahl der Empfänge 1983 von 231 auf 214 reduziert worden sei.

Peter Vujica an Dieter Cwienk (Büro Landesrat Jungwirth), 13. Juni 1984, Archiv steirischer herbst

Während die ÖVP das Ansinnen von Wabl und Genoss:innen in der Öffentlichkeit kategorisch zurückwies, sorgte es hinter den Kulissen für Bewegung. Im Mai 1984 zeigte sich das Büro von Landesrat Jungwirth an einer Umwidmung des Büfettbudgets interessiert, um erneute Kritik am steirischen herbst zu vermeiden. Vujica plädierte jedoch dafür, am Empfang festzuhalten. „Eine Aufgabe dieser Tradition würde zweifellos als Minderung der Sympathie seitens der Politiker fehl interpretiert werden“, schrieb er am 13. Juni 1984 an Jungwirths Büroleiter Dieter Cwienk. Zudem sei dieser Empfang auch ein „Treffpunkt vieler wichtiger Medienleute, aber auch tatsächlicher und potenzieller Sponsoren“. Angesichts einer privaten Unterstützung von durchschnittlich einer Million Schilling spiele man die Kosten des Empfangs auch leicht ein.

Vujica setzte sich durch: 1984 stand erneut ein Empfang in Schloss Eggenberg auf dem Festivalprogramm. Die große Zeit der Empfänge von Landeshauptmann Krainer jun. endete allerdings noch vor dessen Rücktritt 1996. Piringers Artikel war dabei nur ein Katalysator. Wichtiger war, dass die vielen Empfänge zunehmend zu einem Denkmalschutzproblem für das Schloss wurden. Die dringendsten Sanierungen kosteten jährlich rund zehn Millionen Schilling und dies sei ein Fass ohne Boden, zitierte die Austria Presse Agentur am 16. Mai 1991 SPÖ-Finanzlandesrat Christoph Klauser (1924–2009). Im Schloss fänden zur Schonung seit Längerem keine offiziellen Empfänge mehr statt, hieß es damals.

1
Die Montagsausgabe der Kleinen Zeitung hatte jahrzehntelang einen Sonderstatus. Nachdem die steirischen Tageszeitungen traditionell am Montag nicht erschienen, übernahm die Kleine Zeitung 1968 das Lokalblatt Grazer Montag und integrierte es nach und nach. Abonnements behielten auch noch viele Jahre später die Option mit oder ohne Montagsausgabe. Letztere musste sich gerade deshalb profilieren.
2
„Hofrat Dr. KARL HEINZ F., erster Sekretär des Landeshauptmanns, überschlägt die Kosten: Pro Gast rund 120 Schilling, hochgerechnet also fast 100.000 Schilling. Inklusive Wein“ (Kleine Zeitung, 19. September 1983, 7). Die Summe entspricht nach heutiger Kaufkraft 20.321,00 Euro.
3
Die ersten beiden Intendanten des steirischen herbst, Peter Vujica und Horst Gerhard Haberl, waren direkt aus der Kulturredaktion der Kleinen Zeitung zum Festival gewechselt.
4
Erna Lackner konnte sich im April 2025 auf Nachfrage nicht an die Hintergründe erinnern, die zur Publikation geführt hatten. Sie versicherte jedoch, dass sie unter Chefredakteur Csoklich in ihrer Themenwahl frei gewesen sei.