Die HUMANIC-Connection und der erste Shitstorm

20.2.26 / Herwig G. Höller

In diesem Blog berichtet steirischer herbst-Research Fellow und Journalist Herwig G. Höller über seine Entdeckungen im Festivalarchiv. Sie offenbaren oft überraschende Verbindungen zwischen dem steirischen herbst und der Welt der – lokalen wie internationalen – Politik.

Zwei Männer in Anzug und Krawatte stehen am Eingang eines Gebäudes und schauen auf ein Plakat für den steirischen herbst '72.

Landeshauptmann Friedrich Niederl und Bundespräsident Franz Jonas beim steirischen herbst ’72, Foto: Archiv steirischer herbst / Peter Philipp

Am Vormittag des 13. September 1972 läutete beim steirischen herbst das Telefon. Der Anrufer stellte sich als „Ingenieur Leodolter“1 vor und setzte zu einer Schimpftirade an: „Alle gehören vergast“, meinte er, nannte konkret die Komponisten Friedrich Cerha und György Ligeti sowie den Schriftsteller Alfred Kolleritsch, bevor er weitere Drohungen aussprach. „Er werde alles tun, um dem steirischen herbst kein Gelingen zu ermöglichen und dazu habe er genug Verbündete“, notierte Festivalmitarbeiterin Ilse Maria Vollmost auf einem Zettel, der im Archiv erhalten ist.

Ein halbes Jahrhundert später kann sich Vollmost gut an das Telefonat erinnern. Der Anruf habe sie in Panik versetzt. „Ich bin zu [steirischer herbst-Generalsekretär und ÖVP-Nationalrat] Paul Kaufmann gelaufen, wollte zur Polizei, um Anzeige zu erstatten“, erläuterte sie in einer Mail im Jänner 2026. Kaufmann habe sie jedoch zu beruhigen versucht und gemeint, damit würde diesen Gegnern des Festivals noch zusätzlich Aufmerksamkeit verschafft.

Ausschnitt aus Ilse Maria Vollmosts Notizen zum Anruf von „Ingenieur Leodolter“ am 13. September 1972, Archiv steirischer herbst

„Auf, zum steirischen herbst!“: Das Plakat des Anstoßes

Auslöser für diesen und andere Anrufe war das Plakat des steirischen herbst ’72, das zwei Wochen zuvor präsentiert worden war und dem Festival seinen ersten Shitstorm einbrachte. Das Plakat und auch der Folder zeigten zum Slogan „Auf, zum steirischen herbst!“ einen beleibten, von hinten fotografierten Testfahrer der Grazer Puch-Werke, der seine Hose hinunter- oder hinaufzuziehen schien.

Rechtsextreme, aber auch honorige Persönlichkeiten mit rechtskonservativen Einstellungen empörten sich. Unbekannte affichierten auf einem Plakat „Hat er schon … oder muß er erst auf den Steirischen Herbst sch…?“. Im Festivalarchiv befinden sich zudem zahllose Briefe, die sich mehrheitlich gegen das Plakat aussprechen. „Ich halte das Bild weder für modern, fortschrittlich, originell oder lustig, sondern einfach für sehr dumm und eine arge Entgleisung“, schrieb etwa der ÖVP-Landtagsabgeordnete und Industrielle Hans-Georg Fuchs und drohte mit seinem Austritt aus dem Verein der Freunde des steirischen herbst.

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Entstanden war das Sujet im Rahmen eines Wettbewerbs der Künstlergruppe pool (Horst Gerhard Haberl, Richard Kriesche, Rudolfine Kriesche und Karl Neubacher), bei dem nach Vermittlung durch die Gewerkschaft Freizeitgruppen von fünf steirischen Industriebetrieben Entwürfe gestalteten. Obwohl der Gewinner ohne Einflussnahme durch den Auftraggeber gekürt werden sollte, kam es anscheinend anders: Haberl und Neubacher forderten in der entscheidenden Sitzung die „Unmittelbarkeit der Werbewirkung.“2 Wurde zunächst noch ein gefälliger Entwurf der Glasfabrik Stölzle aus Köflach bevorzugt, fiel die Wahl schließlich auf eine pointiertere Arbeit aus den Puch-Werken. Deren Kunstgruppe hatte neben dem Siegerfoto weitere Sujets präsentiert, darunter eine langweiligere Variante sowie einen potenziell noch provokanteren Entwurf mit einem duschenden Mann, der jedoch weniger Raum für Interpretation zugelassen hätte. Die finale Auswahl erwies sich als äußerst professionell.

HUMANICs Einfluss beim steirischen herbst

Eine retrospektiv naheliegende Interpretation der 72er-Werbekampagne blieb in der medialen Erörterung seinerzeit praktisch unerwähnt: Der als Artdirector bzw. Leiter der „Abteilung Zukunft“ bei HUMANIC beschäftigte Haberl und der ebenso dort tätige Designer Neubacher hatten einfach jene Werbestrategie, mit dem sie beim Grazer Schuhproduzenten und -händler für Furore sorgten, auch beim steirischen herbst angewandt. Mit zeitgenössischen, bisweilen radikal modernistischen Experimenten, die nichts mit dem beworbenen Produkt zu tun hatten, erzeugten sie große Aufmerksamkeit. Hätte der steirischer herbst eine vergleichbare nationale wie internationale Beachtung mit klassischen Werbemethoden erzielen wollen, wäre dies kaum zu finanzieren gewesen.

Auch Haberls damalige Aktivitäten im steirischen herbst lassen sich im Kontext von HUMANIC sehen: Der vom Schuhkonzernchef Hans Mayer-Rieckh geleitete Verein der Freunde des steirischen herbst entsandte den HUMANIC-Werbechef 1971 in das Programm-Kuratorium des Festivals.

HUMANIC hatte in diesem Verein, der allerersten Rechtsperson des Festivals, von Anfang an eine besondere Rolle: Als sich am 6. März 1969 im Büro von Landeshauptmannstellvertreter Hanns Koren eine illustre Runde von Unternehmern und Bankern zur Vereinsgründung traf, war HUMANIC – offiziell Heinisch & Mayer-Rieckh K.G. – als einziger Konzern mit den Halbbrüdern Hans Mayer-Rieckh (1910–1994) und Jörg Mayer-Heinisch (1921–2009) doppelt vertreten.3 Der stramme Marktliberale und ÖVP-Anhänger Mayer-Rieckh wurde zum Präsidenten des Vereins gewählt und sollte es bis 1976 bleiben. Wenige Monate, nachdem Koren als Spätfolge einer rechtskonservativen Kampagne gegen Wolfgang Bauers Theaterstück Gespenster als Festivalpräsident abgelöst wurde, verzichtete Mayer-Rieckh auf eine Wiederkandidatur. Auf Vorschlag von Mayer-Heinisch wurde Hans-Georg Fuchs (1932–2020) zum Vereinsvorsitzenden gewählt—jener Fuchs, der 1972 noch mit seinem Austritt gedroht hatte.

Das Wendejahr 1969 und Synergien in den 1970ern

1969 war sowohl für den steirischen herbst als auch für HUMANIC ein Wendejahr: Für das Festival wurde klar, dass es – anders als noch bei seiner ersten Ausgabe 1968 – keine Ergänzung der Grazer Sommerspiele bleiben, sondern diese ablösen sollte. Dies verdeutlichte auch die Gründung des Fördervereins.

HUMANIC engagierte in diesem Jahr den ehemaligen Kunstgeschichtestudenten und Mitarbeiter der Neuen Galerie Horst Gerhard Haberl als Artdirector und legte so den Grundstein für einen drastischen und jahrzehntelang wirkungsmächtigen Imagewandel. Die Entscheidung des Unternehmens wurde damals als Reaktion auf einen wachsenden Importdruck aus Italien interpretiert. Haberl entwickelte eine radikale Werbelinie, in der Schuhe gar nicht mehr vorkamen. Bereits die ersten Kampagnen boten eine „Philosophie“ an, mit inhaltlich rücksichtsloser Provokation und einer unkommerziellen, zeitgemäßen künstlerischen Komponente.4

Bei seinen Werbeexperimenten arbeitete Haberl mit demselben Pool an Künstler:innen und Literat:innen wie der steirischer herbst: Der Bildhauer Roland Goeschl, der mit roten, gelben und blauen Kuben die Werbekampagne des Schuhkonzern 1970 prägte, war im selben Jahr auch in der Ausstellung Österreichische Kunst vertreten.

Mit seinem eigenen pool initiierte der HUMANIC-Angestellte für das Festival nicht nur Ausstellungen, sondern beschäftigte sich auch mit dessen Werbelinie. Bisweilen gab es dabei interne Bedenken und auch Widerstand, etwa im April 1972, noch vor der Kür des umstrittenen Plakatsujets. Festivalgründer Koren fürchtete, dass das Experiment mit den Arbeiter:innen scheitern könnte. Der Direktor der Neuen Galerie, Wilfried Skreiner, warnte gar vor einem „Antikunstprojekt der Herren Haberl und Kriesche“.

Der polemische Briefwechsel zwischen Skreiner und Haberl aus dieser Zeit zeigt aber auch, wie HUMANIC Haberls Aktivitäten beim steirischen herbst unterstützte und etwa Recherchereisen finanzierte. Es gab auch Synergien, die etwa zu den Videoprogrammen führten, die pool in den 1970ern beim steirischen herbst mitverantwortete, zum Beispiel US Video Art (1975) oder die 1. Internationale Videokonferenz (1976). Ohne HUMANICs Interesse am vergleichsweise neuen Medium Video wäre Derartiges nur schwer vorstellbar gewesen.

Subventionen von der Handelskammer und eine langfristige Beziehung

Der Schuhkonzern unterstützte das Festival in den 1970ern auch bei praktischen Dingen: Da der steirische herbst mangels einer eigenen Rechtsperson anfangs niemanden anstellen konnte, dies später zu kompliziert war und nicht alle permanenten Mitarbeiter:innen über das Land Steiermark oder die Stadt Graz beschäftigt werden konnten, übernahm HUMANIC gegen Refundierung der Kosten bisweilen auch diese Funktion. In frühen Kassenbüchern finden sich auch immer wieder Spenden von HUMANIC und – in noch größerem Ausmaß – Subventionen der steirischen Handelskammer, der Mayer-Rieckh zwischen 1969 und 1980 vorstand.

Über Haberl blieb HUMANIC aber auch später mit dem Festival verbunden. Nachdem er zwischen 1971 und 1984 hauptberuflich für den Schuhkonzern gearbeitet und zum Programm des steirischen herbst beigetragen hatte, avancierte Haberl 1989 zum Festivalintendanten und blieb es bis 1995.

Briefe im Archiv zeigen, dass ihn Künstler:innen auch während seiner Intendanz weiterhin mit HUMANIC assoziierten. Haberl hatte noch immer einen guten Draht zu seinem ehemaligen Arbeitgeber. Nachdem etwa der Wiener Performancekünstler Christian Ide Hintze im März 1993 Arbeitsbeispiele an den Intendanten geschickt hatte, informierte dieser ihn mit etwas Verspätung im Februar 1994: „Nach Rücksprache mit der Firma HUMANIC sehen wir leider Möglichkeit der Verwendung Ihrer Arbeiten für einen HUMANIC-Spot.“


1
Im Festivalarchiv finden sich keine weiteren Angaben zu dieser Person, die möglicherweise einen falschen Namen angab.
2
Siehe Pfirsich 6 (Oktober 1972).
3
Mayer-Rieckh und Mayer-Heinisch waren Söhne von Felix Alexander Mayer (1875–1942) aus dessen erster bzw. zweiter Ehe. Der aus Wien stammende Mayer war maßgeblich am Ausbau der ehemaligen Schuhfabrik D. H. Pollak in der Idlhofgasse beteiligt, die sein Schwiegervater Carl Rieckh 1904 übernommen hatte. Nachdem die Gestapo Druck auf ihn ausgeübt hatte, verübte der jüdischstämmige Unternehmer 1942 Selbstmord. Die Schuhfabrik blieb durch Übertragungen an „arische“ Angehörige sowie einer nicht näher spezifizierten Unterstützung des steirischen Gauhauptmanns, SS-Offizier Armin Dadieu, in Familienbesitz. Hans Mayer-Rieckh überdauerte den Krieg in der Wehrmacht – in einer Einheit, die vom späteren steirischen ÖVP-Landesrat Franz Wegart befehligt wurde. (Renate Gross, „Hans Mayer-Rieckh – ein Mythos?“ Dissertation (Universität Wien, 2017); Maximillian Brunner, „Armin Dadieu: Versuch der Biographie eines Nationalsozialisten“, Masterarbeit (Universität Graz, 2017))
4
Wolfgang Seidler, „Versuch einer Darstellung der Begriff Image und Imagewerbung: Kritische Beurteilung der Werbekonzeption HUMANIC 1970“, Diplomarbeit (Universität Wien), 78.