Wie die FPÖ den zukünftigen Intendanten des steirischen herbst anwerben wollte
16.1.26 / Herwig G. Höller
In diesem Blog berichtet steirischer herbst-Research Fellow und Journalist Herwig G. Höller über seine Entdeckungen im Festivalarchiv. Sie offenbaren oft überraschende Verbindungen zwischen dem steirischen herbst und der Welt der – lokalen wie internationalen – Politik.
Peter Vujica, Foto: Archiv steirischer herbst / Peter Philipp
Als der Musikwissenschafter Werner Jauk 1984 eine Straßenbefragung in Graz durchführte, machte er eine unerwartete Entdeckung: Zwar war wenig überraschend der Anteil jener Menschen, die zum steirischen herbst gingen, unter Anhänger:innen der Alternativen Liste Graz am größten – knapp 35 Prozent derjenigen, die eine Präferenz für diese 1982 gegründete Grünpartei angaben, bezeichneten sich als oftmalige Festivalbesucher:innen.
An zweiter Stelle lagen jedoch bereits Unterstützer:innen der FPÖ mit 12,5 Prozent – klar vor 7,89 Prozent bei SPÖ und 6,98 Prozent bei ÖVP. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein:e FPÖ-Parteigänger:in das Festival regelmäßig besuchen würde, war somit deutlich höher als bei Wähler:innen der beiden Großparteien. In seiner 1985 finalisierten Studie vermutete Jauk, dass dies durch den Wunsch mitbestimmt sei, am steirischen herbst als einem lokalen Ereignis gesellschaftlicher Bedeutung teilzunehmen: „Einer ansonst auf die Erhaltung bürgerlicher Werthaltungen orientierten Bevölkerungsgruppe mag dies ausreichende Motivation sein; die neue Kunst dürfte man dabei offensichtlich in Kauf nehmen.“1
Die FPÖ habe von diesem Umfrageergebnis damals nichts erfahren, erklärte 2025 auf Nachfrage die ehemalige Kulturpolitikerin der Grazer Freiheitlichen, Margit Uray-Frick. Aber auch eine bemerkenswerte Affinität von Uray-Fricks politischem Mentor Alexander Götz (1928–2018) zum steirischen herbst blieb weitgehend unbekannt: Der Grazer Bürgermeister von 1973 bis 1983 verstand sich so gut mit dem führenden Programmmacher und zukünftigen Festivalintendanten Peter Vujica (1937–2013), dass er diesen 1982 gar zum FPÖ-Mandatar machen wollte.
Dabei hatte sich Götz davor durchaus im antimodernistischen Geist des rechtsnationalen FPÖ-Flügels positioniert. In einer merkwürdigen Sitzung des Steiermärkischen Landtags vom 13. Dezember 1967 brachte er die Grazer Literaturzeitschrift manuskripte mit Pornografie in Verbindung und forderte implizit Zensur: „Hier ist jene Grenze erreicht, meine Damen und Herren, wo die Gesellschaft nicht mehr zusehen und nicht mehr tolerant sein und nicht mehr den Boden aufbereiten kann für Erscheinungen, die ich bewußt als absolut zersetzende Erscheinungen bezeichnen möchte.“2
Alexander Götz bei der Eröffnung der steirischen herbst ’80, Foto: Archiv steirischer herbst / Peter Philipp
Obwohl die manuskripte und ihr Umfeld auch beim steirischen herbst von Beginn an eine merkliche Rolle spielten, unterließ Götz in den folgenden Jahren vergleichbare Wortmeldungen zum Festival. Als Tourismusverantwortlicher der Stadtregierung unterstützte er es Anfang der 1970er, indem er Pressereisen internationaler Journalist:innen subventionierte. In den Festivalgremien, denen er kraft seines Amtes angehörte, war er unauffällig.
Anders als der rechte Flügel der steirischen ÖVP hielten sich Götz und seine Parteifreunde auch bei der Skandalisierung von Wolfgang Bauers Theaterstück Gespenster im steirischen herbst ’75 zurück. Das FPÖ-Blatt Neue Freie Zeitung besprach die Inszenierung gar bemüht freundlich.3 Und als einige Jahre später Rechtsextreme sowie manche Konservative gegen eine Ausstellung von Hermann Nitsch im Kulturhaus Sturm liefen, gab Götz sich diplomatisch: „Nachdrücklich bekannte sich Bürgermeister Dr. Götz heute früh noch einmal aus vollster Überzeugung zur Freiheit der Meinungsäußerung des Künstlers, der allerdings ebenso selbstverständlich die Freiheit der Meinungsäußerung des Betrachters gegenüberstehen müsse“, informierte das Rathaus am 22. Oktober 1981. Der Bürgermeister sei nicht bereit, die Ausstellung in Form einer Zensur zu schließen.
Aber auch abseits der Öffentlichkeit herrschte ein freundliches Verhältnis zwischen FPÖ-Bürgermeister und steirischer herbst. Dies illustrieren im Festivalarchiv erhaltene Briefe, die Vujica zwischen 1980 und 1982 – zunächst als Mitglied des Programm-Direktoriums und schließlich als designierter Intendant – an Götz schrieb.
Peter Vujica an Alexander Götz, 17. Juni 1980, Archiv steirischer herbst
„Ich habe noch Ihre vielen Bonmots in Erinnerung, mit denen Sie für mich voll überzeugend den Verdacht zu zerstreuen versuchten, Sie wären ein Gegner der Moderne und so auch des ‚Steirischen Herbstes‘. Mein elefantenhaftes Gedächtnis hat auch noch die freudige Zustimmung gespeichert, mit der Sie mein Versprechen quittierten, in das Programm des ‚Steirischen Herbstes‘ jenes unanfechtbare, internationale Qualitätsformat einzubringen, über dessen weitestgehende Absenz wir uns ebenfalls einig waren“, heißt es etwa in einem Schreiben vom 17. Juni 1980, in dem Vujica um Götz’ Zustimmung für das Programm des folgenden Jahres warb.
Ein Jahr später bedankte sich Vujica bei Götz für Glückwünsche anlässlich seiner Kür zum ersten Festivalintendanten. Insbesondere zeigte er sich in einem Brief vom 12. August 1981 erfreut darüber, dass der „verehrte Herr Bürgermeister“ an der künftigen Entwicklung des steirischen herbst so engagiert Anteil nehme. „Im Gegensatz zu manchen anderen Veranstaltern, betrachte ich Vorschläge und Anregungen seitens der Politiker keineswegs als ungehörige Einmischungsversuche, sondern als willkommene Signale des Interesses, denen ich mich grundsätzlich nicht verschließe“, ließ er wissen. Gleichzeitig enttäuschte Vujica Götz, dass manche dieser Anregungen sich aus verschiedensten Gründen nicht realisieren ließen.
Der Festivalmacher und der Bürgermeister näherten sich in Folge noch weiter an – so sehr, dass Götz im Herbst 1982 Vujica ein Angebot machte, das nie öffentlich wurde. Die Hintergründe dieses Vorschlags, der Vujica für die FPÖ in den Grazer Gemeinderat gebracht hätte, sind im Festivalarchiv nicht dokumentiert. Naheliegend ist, dass Götz an die Gemeinderatswahlen 1983 dachte, die er verlieren würde und die seine politische Karriere beenden sollten. Vujica lehnte seine politischen Avancen am 13. Oktober 1982 jedoch geistreich ab.
Peter Vujica an Alexander Götz, 13. Oktober 1982, Archiv steirischer herbst
Peter Vujica an Alexander Götz, 13. Oktober 1982, Archiv steirischer herbst
Peter Vujica an Alexander Götz, 13. Oktober 1982, Archiv steirischer herbst
Peter Vujica an Alexander Götz, 13. Oktober 1982, Archiv steirischer herbst
„Ich glaube einfach, die Leute, die Ihren und die meinen, würden diese brilliante Volte, die Sie vorschlagen und die mir subjektiv auch spontan gefallen hat, einfach in die falsche Kehle bekommen“, schrieb er. Eine schöne Idee würde zu schmerzlichen Missverständnissen auf beiden Seiten führen. Denn er selbst müsse auch an viele Künstler:innen denken und der Bürgermeister an die vielen Gruppen innerhalb der FPÖ, für die Vujicas Nominierung zum Gemeinderat ein Schlag ins Gesicht wäre. In seinem Brief deutete der zukünftige Intendant zudem an, dass sowohl Landeshauptmann Josef Krainer als auch Kulturlandesrat Kurt Jungwirth (beide ÖVP) über den Vorschlag informiert seien und sie „diese Entscheidungen expressis verbis [Vujica] überlassen“ hätten.
Nach Ende seiner Intendanz kehrte Vujica 1989 in seinen vormaligen Brotberuf zurück und sollte als Ressortleiter bei der neu gegründeten Tageszeitung Der Standard bis 2001 eine maßgebliche Rolle im österreichischen Kulturjournalismus spielen. Einen bereits angekündigten Wechsel in die steirische Landesverwaltung als Leiter der Kulturabteilung sagte er im Juli 1996 überraschend ab.
Nicht bekannt wurde indes, dass der ehemalige Festivalintendant auch noch später Grazer Kulturstadtrat hätte werden können. Nach ihrem Erfolg bei den Gemeinderatswahlen 2003 überlegte die KPÖ, das Kulturressort zu beanspruchen, und erinnerte sich daran, dass der junge Vujica für die kommunistische Regionalzeitung Wahrheit geschrieben hatte. „Das wäre eine Möglichkeit gewesen, einen kompetenten Menschen für die Kultur zu bekommen“, erzählte der damalige KPÖ-Stadtrat Ernest Kaltenegger im Dezember 2025 am Telefon. Vujica wäre auch nicht abgeneigt gewesen, aber es sei dann doch nicht zustande gekommen, so Kaltenegger. Das Kulturressort ging schließlich an die ÖVP und wurde mit Christian Buchmann besetzt.
- 1
- Werner Jauk, Neue Kunst und Öffentlichkeit: Analysen zum Interesse der anonymen Öffentlichkeit am Steirischen Herbst sowie zu dessen Prestigeeinschätzung (1985).
- 2
- 30. Sitzung des Steiermark. Landtages, IV. Periode – 13., 14., 15. Dezember 1967, 1130.
- 3
- Friedrich Hueber, „Im Grazer Schauspielhaus: ‚Bäuerliche Gespenster‘“, Neue Freie Zeitung, 18. Oktober 1975, 8.