Die Kinder der Toten

Ein Film- und Performance-Projekt nach Motiven des gleichnamigen Romans von Elfriede Jelinek

Als Elfriede Jelinek 2004 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, galt der Roman „Die Kinder der Toten“ – Jelinek: „mein wichtigstes Werk“ – als eine wesentliche Grundlage der Jury in Stockholm. 1995 veröffentlicht, gehört das Buch zu Jelineks umfangreichsten Romanen, sie bezeichnet es als „Gespensterroman“.

„Die Kinder der Toten“, denkbar vielschichtig konstruiert, stellt unter anderem eine intensive Auseinandersetzung mit der österreichischen Erinnerungskultur und der Verdrängung des Holocaust dar. Publiziert in einem der sogenannten Gedenk- und Gedankenjahre, verbindet der Roman die Frage nach der Möglichkeit und/oder Unmöglichkeit einer adäquaten „Aufarbeitung“ mit einer phasenweise hochkomischen, dann wieder bitteren Vermessung nationaler identitätsstiftender Terrains: Geschichte, Natur, Heimat, Patriotismus in Sport und Volkskultur bis hin zu revisionistischen, „rechten“ Ideologien. Einer kompletten Aneignung und Vermarktung patriotisch verbrämter Natur durch nationale, katholische  österreichische Selbstbildnisse.

Dazu passend sind die Helden des Buches Untote: Eine Philosophiestudentin, ein ehemaliger Skistar und FP-Politiker, eine Sekretärin und ewige Tochter, die im Herbst in einer kleinen Pension in der Obersteiermark nicht wissen, ob sie nicht schon längst gestorben sind, gleichzeitig Tote zum Leben erwecken, und damit beitragen zu einer gigantischen Mure, die gewissermaßen das ganze Idealszenario von Naturschönheit, Gemütlichkeit, rechter Gesinnung, wahrem Glauben verschüttet. Das Romansetting versinkt im wortwörtlichen Sinne auf „unheimliche“ Weise. Es ist – ebenfalls wortwörtlich – „ungeheuerlich“, wie Jelinek dabei mit Mitteln der Alltagskultur (Sportsendungen, Parteiwerbungen, Horror-Filme; siehe etwa zuletzt die TV-Serie „Les Revenants“) ebenso spielt, wie mit realem, dokumentarischem Material.

Nature Theater of Oklahoma eröffnen einen radikal subjektiven Zugang, den sie zuletzt schon mit zwei Projekten in Deutschland („Die Nibelungen“ am Rhein und „Germany Year 2071“ in Köln und Berlin) entwickelt haben, wo jeweils Dreharbeiten zu einem Film öffentlich zugänglich und Beteiligung der ortsansässigen Bevölkerung in jeder Hinsicht erwünscht war. Mit „Die Kinder der Toten“ wird diese Methode weitergetrieben – in einen sich radikalisierenden politischen Kontext und in die Möglichkeit, dass der Film, der so entsteht, 2018 wirklich konkret in die Kinos kommt. Beim steirischen herbst war die New Yorker Off-Off-Truppe zuletzt 2015 mit der Uraufführung der finalen Episoden ihres Langzeitprojektes „Life & Times“ zu erleben.

 

Regie & Drehbuch Nature Theater of Oklahoma (Kelly Copper & Pavol Liska)

Produktion steirischer herbst

Drehorte Originalschauplätze des Buches in der Obersteiermark zwischen Neuberg und Mariazell bzw. rund um Elfriede Jelineks frühen Kindheitsort Krampen, gelegen am sogenannten Tyrolwanderweg